Die Armeereorganisation und der Verfassungskonflikt. 331
Konferenzen zwischen Graf Bernstorff und Bismarck erfüllten die
nächsten Tage. Am 22. ist dieser wieder in Babelsberg, um mit dem
Könige deren Ergebnis zu besprechen. Da entlud sich in der Kammer
das Gewitter. Der Worte waren genug gewechselt: am 25. erfolgte die
Abstimmung nach der großen Redeschlacht. Mit 275 gegen 68 Stimmen
wurden zunächst die gesamten Kosten der Beeresreorganisation aus dem
Budget für 1862 gestrichen und dann dies so verstümmelte Budget mit
508 gegen I1 Stimmen angenommen. Voch über die ärgsten Befürchtungen
ging die Niederlage. hinaus. Auf der Stelle erbat Fürst Hohenlohe,
durch Kränklichkeit schon seit längerer Seit seinem hohen Amte
ferngehalten, die Entlassung und mit ihm zugleich auch der Minister von
der Heydt. Auch Graf Bernstorff kehrte jetzt auf seinen früheren Botschafterposten
am Hofe von St. James zurück.
Der Kriegsminister von Roon begab sich alsbald nach Babelsberg,
um dem Könige über die Lage der Dinge Bericht zu erstatten. Noch
einmal fragte ihn der König, ob er wirklich Bismarck für den rechten
Mann halte; noch einmal bestätigte es Roon mit allem Ernste. Nicht
als ob dem Könige doch wieder Zweifel aufgestiegen wären: aber ihm
lag daran, auch Roon in vollster Übereinstimmung mit Bismarck zu
wissen. Denn jetzt galt es, die Reorganisation der Armee auch gegen
den Willen des Abgeordnetenhauses aufrecht zu erhalten. Der König
genehmigte die Entlassung des Fürsten Hohenlohe, und als Bismarck am
Machmittage um 5 Uhr in Babelsberg erschien, übergab er ihm die Ordre,
durch die er ihn zum Staatsminister ernannte und ihm den interimistischen
Dorsitz des Staatsministeriums übertrug.
Am nächsten Tage stand die Ordre im Staatsanzeiger. Jetzt ist der
Schleier zerrissen, schrie man im Abgeordnetenhause. Man sieht, wohin
die Regierung steuert! Man kannte ihn ja, den „märkischen Junker!“
Auf die Hernichtung der Derfassung ist es abgesehen. Die Aufregung
der Gemüter in ganz Berlin wuchs ins maßlose: „Ja, Bismarck ist der
Staatsstreich!“ Mit höchster Spannung erwartete man sein Auftreten im
Abgeordnetenhause.
Allein durchaus friedfertig waren die Schritte, mit denen er sich
einführte. Er suchte Fühlung mit Simson und andern Führern der Alltliberalen.
Nur deren Forderung der zweijährigen Dienstzeit verhinderte
ihren Eintritt in das WMinisterium, dessen Vorsitz der König endgültig am
8. Oktober zugleich mit dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten
Bismarck übertrug. Den Stat für das Jahr 1865, in dem die
Budgetkommission des Abgeordnetenhauses die Reorganisationskosten auch