Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

778  NBeutsches  Reich.  (August  29.)

Frieden  weiter  verhindern.  Wenn  sich  niemand  in  der  Moskauer  Nationalversammlung
  fand,  der  Kerenskis  Darstellungen  widersprochen  hat,  so  deutet
dies  darauf  hin,  daß  die  Methoden,  die  Herr  Kerenski  anwendet,  um  dem
russischen  Volke  gegenüber  den  wahren  Hergang  der  Ereignisse  zu  entstellen,
bereits  ihre  Wirkung  getan  haben.  Das  „freie“"  russische  Bolk  wird  von  den
jetzigen  Machthabern  genau  so  an  der  Nase  herumgeführt,  wie  unter  der
zaristischen  Herrschaft.  Jedem  Russen,  der  die  Ereignisse  ohne  Voreingenommenheit
  verfolgt  hat,  muß  der  Gang  der  Entwicklung  klar  sein.  Kerenski  hat  in
einem  Zeitpunkt,  wo  er  glaubte,  daß  die  galizische  Front  von  Truppen  entblößt
  sei,  gegen  den  Rat  Brussilows  eine  Offen  sive  unternommen,  zu  der
er  von  England  und  Frankreich  gepreßt  wurde,  und  von  der  er  leichte
Triumphe  erwartete,  um  im  Innern  die  volle  Macht  in  die  Hände  zu  bekommen.
  Herr  Kerenski  war  sich  klar  darüber,  daß  die  Offensive  für  Rußland
  fremde  Kriegsziele  geführt  wurde,  deren  Inhalt  erst  kürzlich  der  Welt
durch  den  deutschen  Reichskanzler  bekannt  gegeben  worden  ist.  Die  Offensive
rief  als  Verteidigungsmaßnahme  die  kraftvolle  Gegenoffensive  Deutschlands
und  Oesterreich-Ungarns  hervor.  In  dem  Blute  der  russischen  Soldaten,  die
gegen  ihren  Willen  in  die  Schlacht  hineingetrieben  worden  waren,  erstickte
der  russische  Angriff.  Kerenski  fälschte  diesen  Hergang  der  Ergebnisse,  um
Deutschland  als  Angreifer  hinzustellen,  der  die  russischen  Freiheiten  vernichten
wollte.  Ja,  mehr  noch!  Um  seiner  Rede  eine  Unterlage  zu  schaffen,  ließ  er
wenige  Tage  vor  der  Eröffnung  der  Moskauer  Versammlung  die  russischen
Truppen  an  der  Aa  zurückrufen  und  verkündete  seinem  Volke  eine  deutsche
Offensive  an  der  russischen  Nordfront,  die  niemals  stattgefunden  hat.  Ueber
Deutschland  hat  Herr  Kerenski  manches  Verwunderliche  gesagt  und  uns  Bestrebungen
  und  Anerbietungen  zur  Herbeiführung  eines  Sonderfriedens
angedichtet.  Den  Beweis  dafür,  daß  ein  solches  Anerbieten  jemals  erfolgt
ist,  ist  Herr  Kerenski  schuldig  geblieben.  Wenn  in  der  russischen  Presse  teilweise
  die  Rede  des  früheren  Reichskanzlers  v.  Bethmann  Hollweg  vom
30.  März  als  Anerbieten  eines  Sonderfriedens  hingestellt  worden  ist,  so
entbehrt  das  der  Unterlage.  In  der  Rede  war  nur  gesagt,  daß  Deutschland
nichts  anderes  begehre,  als  möglichst  bald  wieder  in  Frieden  mit  Rußland
zu  leben,  in  einem  Frieden,  der  auf  einer  für  alle  Teile  ehrenvollen  Grundlage
  aufgebaut  sei.  Daß  dies  im  Wege  eines  Separatfriedens  geschehen
sollte,  war  mit  keinem  Wort  angedeutet.  Das  Gegenteil  ist  in  unserer  Zeitung
seinerzeit  ausdrücklich  betont  worden  (s.  S.  406  f.).  Ein  angebliches  zweites
Sonderfriedensangebot,  das  sich  gegen  die  Verbündeten  Rußlands  gerichtet
hätte,  existiert  nur  in  der  Phantasie  des  russischen  Ministerpräsidenten.
Warum  hat  er  aber  nur  von  apokryphen  Sonderfriedensangeboten  gesprochen
und  das  bekannte  allgemeine  deutsche  Friedensangebot  ebenso  wie  den  Reichstagsbeschluß
  vom  19.  Juli  vollkommen  verschwiegen?  Von  Frieden  hat  Herr
Kerenski  diesmal  gar  nicht  gesprochen,  seine  Rede  ist  eine  Kriegsrede.  Damit
wird  er  sicherlich  den  vollen  Beifall  der  Verbündeten  Rußlands  ernten:;  ob
er  auch  den  Beifall  seines  eigenen  Volkes  finden  wird,  ist  eine  andere  Frage.
Dies  wird  sich  auf  die  Dauer  schwerlich  darüber  hinwegtäuschen  lassen,  daß
Herr  Kerenski  seine  eigene  Vergangenheit  mehr  und  mehr  verleugnet.  Es
mag  erinnert  sein  an  die  Rede,  die  er  am  21.  April  in  der  allrussischen
Eisenbahnkonferenz  gehalten  hat.  Damals  rief  er  aus:  „Genossen,  indem  die
prov.  Regierung  den  Willen  des  Volkes  erfüllt,  hat  sie  ein  für  allemal  in
Ansehung  des  Krieges  das  ganze  alte  Kriegsprogramm  geändert,  und  allen
Eroberungs-,  Vergewaltigungs-  und  annexionistischen  Zielen  auf  immer  ein
Ende  bereitet.“  Das  rushsiche  Volk  hat  inzwischen  von  zweierlei  Tatsachen
Kenntnis  erhalten:  auf  der  einen  Seite  von  den  Enthüllungen  des  deutschen
Reichskanzlers  über  die  Geheimverträge  Rußlands  mit  Frankreich,  auf  der