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77. Die Wiederaufrichtung des deutschen Kaisertums.
(1871.)
Herrlich war die Frucht der glorreichen Siege der Jahre 1870 und
1871. Alle Schmach, die uns Frankreich seit drei Jahrhunderten zugefügt,
war getilgt und deutsche Lande an unserer Westgrenze waren für Deutschland
wiedergewonnen; noch herrlicher aber war die Frucht, die aus dem
glücklich beendeten Kriege für den inneren Ausbau unseres Vaterlandes
hervorging, die Wiederaufrichtung des durch Frankreichs Gewalttätigkeit
und Frevelmut zertrümmerten deutschen Kaisertums.
Beim Beginne des Krieges zur Verteidigung des Vaterlandes durchdrang
alle deutschen Herzen das lebhafte Gefühl, daß der Main nicht mehr
die Grenze zwischen Nord= und Süddeutschland bilden dürfe, daß die Staaten
des Nordens und des Südens zu einer politischen Einheit zusammenwachsen
müßten. Seit dem Jahre 1866 lebte in der ganzen Nation nur das eine
Streben, die so lang erstrebte und durch die Gründung des Norddeutschen
Bundes verheißungsvoll angebahnte, aber noch nicht vollendete Neugestaltung
in der Einigung des gesamten Vaterlandes zu verwirklichen. Wie das
Volk jetzt sich unter einem obersten Führer und Kriegsherrn zur Verteidigung
des vaterländischen Bodens erhoben hatte, so wollte es auch für alle
Zukunft, als ein einig Volk von Brüdern, zu einem staatlichen Ganzen
fest verbunden sein und bleiben.
Schon im November 1870 kamen die Verträge zum Abschluß, durch
welche die süddeutschen Staaten mit dem Nordbunde sich zu einem Deutschen
Reiche verbanden. Als daher König Wilhelm in den Herrscherpalast
der Könige von Frankreich eingezogen war, da richtete der mächtigste der
übrigen deutschen Fürsten, König Ludwig II. von Bayern, im Namen
sämtlicher deutschen Fürsten an das Bundesoberhaupt die Bitte, die im
Gedächtnis des deutschen Volkes nie geschwundene Herrlichkeit deutscher
Nation durch Erneuerung der Kaiserwürde und Übernahme der Kaiserkrone
zu vollenden. Am 18. Dezember nahm König Wilhelm dieselbe Bitte
von den Abgesandten des Norddeutschen Bundes entgegen und verhieß,
er werde sich dem Rufe des gesamten Vaterlandes nicht entziehen. So war
denn auf Frankreichs blutgetränkten Gefilden der Grundstein zum neuen
Deutschen Reiche gelegt und der Krieg hatte gerade das so herrlich gefördert
und verwirklicht, was Frankreich hintertreiben wollte.
Am 18. Januar 1871, an dem Tage, an welchem 170 Jahre vorher
Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg sich die preußische Königskrone
aufs Haupt gesetzt, in dem Spiegelsaale des Schlosses Ludwigs XIV. zu
Versailles, von welchem so unheilvolle Pläne zur Erniedrigung und Zersplitterung
Deutschlands ausgegangen sind, erklärte König Wilhelm im
Kreise deutscher Fürsten, Heerführer und Abgeordneten, daß er für sich
und seine Nachfolger auf dem Throne Preußens die deutsche Kaiserwürde
annehme. Ganz Deutschland jubelte auf bei der frohen Kunde und alle
Herzen begrüßten mit Preis und Dank die Worte, mit welchen die kaiserliche
Proklamation schloß: „Wir übernehmen die kaiserliche Würde in dem