Full text: Geschichte des deutschen Volkes.

258 Luthere Tod. Der schmalkalbische Krieg. Der Augsburger Religlonsfrieben. 95 359—360. 
römische König Ferdinand zeigte sich nicht mehr so feindlich wie ehedem. 
Nur Bayern hielt unter den weltlichen Fürsten damals allein noch den 
Katholizismus im Reiche aufrecht. 
5 359. Luther, der große protestantische Lehrer und Kirchengründer 
seines Volkes, hatte sich in diesen letzten Tahrzehnten mehr auf seinen engen 
Wittenberger Kreis zurückgezogen. Noch war er ein rüstiger Kämpfer, und an 
Kampf und Streit hat es ihm auch in diesen Jahren nicht gefehlt, aber 
seine Hauptarbeit war jetzt doch der Aufbau einer neuen Ordnung an Stelle 
der alten, die er zertrümmert, und dieser Aufgabe hat er sich denn auch mit 
aller Kraft gewidmet. Seit 1525 verheiratet, hatte er Freud und Leid des 
häuslichen Lebens in reichem Maß erfahren, war jetzt im Kreis seiner 
Freunde und Familie der heiter scherzende Mann, aus dessen Munde Sprüche 
des Tiefsinns wie der kindlichsten Heiterkeit gingen; dann wieder der geist- 
liche Rater und Freund mächtiger Fürsten nah und fern, oder der zürnende 
Elias, der mit prophetisch eiferndem Worte Mißbrauch und Irrlehre traf. 
Er sah sein Werk über Deutschlands Grenzen hinauswachsen: Schweden, 
Dänemark, Norwegen hatten sich seiner Lehre angeschlossen, in den Nie- 
derlanden, England und Frankreich hatte sie zahlreiche Märtyrer gefunden. 
Gleichwohl war seine Seele oft von Schmerzen und bangen Ahnungen um- 
fangen; mochte es sein, weil sein Werk sich nicht so rein und göttlich hatte 
durchführen lassen, als er einst es gehofft hatte, und weil er sah, wie Gier 
nach Kirchengut und andere unlautere Neigungen häufig nicht minder wirkten 
als der reine Eifer für Gottes Wort; oder mochte es sein, weil er die 
Sitten des Volkes, welches in dieser wohlhäbigen Zeit an weltlichem Ver- 
gnügen, an üppigem Kleiderschmuck hing, nicht so durch das Evangelium um- 
Hestaltet erblickte, wie er gehofft hatte; mochte endlich Kränklichkeit des ge- 
echlichen Leibes mit zur Derstimmung beitragen. Dennoch erhob sich sein 
Geist immer wieder zu fiegesfroher ewißheit; stolz und demütig zugleich, 
war er nicht im Zweifel, „daß er ein auserwähltes Rüstzeug Gottes sei, im 
Himmel, auf Erden und in der Hölle wohlbekannt.“ Die Macht seiner Per- 
sönlichkeit entschied so sehr, daß seine Kirche ihm auf dem Weg, den er ein- 
geschlagen, in unbedingtem Gehorsam folgte. So war sein Alter herange- 
naht, immermehr ließen die Verhältnisse sich so an, als werde es zu einem 
großen Bruche, zu einer Entscheidung durch die Waffen kommen. Luther riet, so 
ange er konnte, zum Frieden, ja — so weit es nicht die Lehre angehe — zur 
völligen Unterwerfung unter den Kaifer; er wenigstens wünschte einen Krieg um 
des Glaubens willen nicht zu erleben. — Der Wunsch ist ihm erhört wor- 
den. Von seinen alten Landesherren, den Grafen von Mansfeld, ward er, 
um einen Erbschaftsstreit zu schlichten, nach Eisleben berufen. Dort er- 
krankte er und verschied in der Nacht vom 18. Februar 1546, noch im 
letzten Todeskampfe bezeugend, wie er freudig sterbe auf alles, was er ge- 
lehrt. Sein Leichenzug nach Wittenberg ward ein Trauerzug des ganzen 
Volkes; es war, als fühlten alle, daß an Hoheit des Geistes, an Kraft des 
Charakters wie an nachhaltiger Wirkung auf Deutschlands innerstes Leben 
nie seinesgleichen gewesen in unserer Geschichte. — 
8. Ner schmalkaldische Krieg, 1546 —1547. Her Angsburger 
in ügion den, 1555. *“· 
  
  
  
5 360. Kaiser Karl V. hatte unterdessen Deutschland abermals neun 
Jahre hindurch nicht besucht. Er hatte 1535 einen glücklichen Zug gegen 
die türkischen Seeräuber von Tunis ausgeführt, dann einen dritten Krieg gegen