Full text : Leitfaden der Preußischen Geschichte.

—  100  —

Diese  unrichtige  Lösung  der  polnischen  Frage  wurde  dem  preußischen
  Könige  aufgenötigt  durch  ihr  Zusammentreffen  mit  dem
französischen  Kriege,  der  einen  großen  Teil  der  Staatskräfte  lahmlegte,
  durch  Osterreichs  Abfall,  welches  ihm  in  Polen  entgegenarbeitete
  und  sich  dann  wider  ihn  mit  der  Zarin  verbündete,  und
durch  Rußlands  Ubermacht,  das,  während  Deutschland  die  Franzosen
  bekämpfte,  im  Osten  ungehindert  schalten  konnte.

Der  Friede  zu  Basel  brachte  über  Preußen  zum  ersten  Male
den  Vorwurf  einer  undeutschen  Politik;  doch  hatten  weder  die
deutschen  Kleinstaaten  noch  der  Kaiser  ihre  Pflicht  im  Reichskriege
gethan.  Franz  II.  verhandelte  vielmehr  insgeheim  mit  dem  Wohlfahrtsausschuß
  und  trieb  dadurch  Friedrich  Wilhelm  vollends  zum
Abschluß  seines  Sonderfriedens.

Friedrich  Wilhelm  III.  (1797—1840).

§  70.  Friedrich  Wilhelms  II.  ältester  Sohn  und  Nachfolger,
  Friedrich  Wilhelm  III.  (geb.  am  3.  August  1770  zu
Potsdam),  war  ein  sittenreiner,  ehrbarer  und  wohlwollender
Mann,  ausgezeichnet  zwar  nicht  durch  rasche  Entschlossenheit  und
selbstvertrauende  Tatkraft,  aber  durch  einen  verständigen  Sinn,
Pflichtgefühl,  Liebe  zur  Ordnung,  Sparsamkeit,  Gerechtigkeit.
Mit  seiner  Gemahlin,  der  schönen,  geistreichen  und  tugendhaften
Königin  Luise  (geb.  als  Prinzessin  von  Mecklenburg-Strelitz
am  10.  März  1776),  führte  er  ein  schlichtes,  gemütliches  Leben,
ein  Muster  eines  echt  deutschen  Familienvaters.  Dies  Vorbild
wirkte  läuternd  auf  die  entsittlichten  höheren  Kreise  der  Nation
und  gewann  alle  Herzen.  Auch  die  ersten  Regierungshandlungen
des  Königs  fanden  beim  Volke  allgemeinen  Beifall.  Er  entfernte
die  Günstlinge  seines  Vaters  aus  ihren  einflußreichen  Stellen,
hob  das  Religionsedikt  auf,  das  nur  Heuchelei  befördert  habe,
und  brachte  durch  Wirtschaftlichkeit  die  Finanzen  in  bessere
Ordnung.  Eine  gründliche  Reform  des  Staates  und  Heeres
nahm  er  aber  nicht  vor,  weil  man  beide,  als  Erbstücke  von
Friedrich  dem  Großen,  für  unübertrefflich  hielt.  Darin  lag  nun
eine  große  Selbsttäuschung;  denn  im  Laufe  der  Zeit  waren  die
Einrichtungen  beider  veraltet,  während  die  französische  Revolution
  auswärts  ganz  neue  Anstalten  und  Mächte  geschaffen  hatte.

In  Frankreich  nämlich  hatte  man  nach  Beseitigung  der
Standesvorrechte  alle  Einwohner  zu  gleichberechtigten  Staats-