Full text : Leitfaden der Preußischen Geschichte.

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war  die  Üppigkeit  des  Hofes;  sie  beförderte  auch  bei  den  Unter—
thanen  die  Sittenlosigkeit.

s  69.  Unter  den  Großmächten  damals  bei  weitem  die  kleinste
und  von  einem  politisch  noch  unmündigen  Volke  bewohnt,  konnte
Preußen  seine  hohe  Stellung  in  der  Welt  nur  so  lange  behaupten,
als  Friedrichs  des  Großen  Genie,  Arbeitskraft  und  Arbeitslust  die
Monarchie  beseelten.  Alles  kam  auf  die  Persönlichkeit  des
Regenten  an.  Daher  geriet  der  Staat  sofort  in  Verfall,  als  mit
Friedrich  Wilhelm  II.  ein  Fürst  den  Thron  bestieg,  der  sich  statt
vom  Staatswohl  von  seinen  persönlichen  Neigungen  bestimmen  ließ,
dem  die  Arbeit  des  persönlichen  Regierens  zu  lästig  oder  zu  schwer
war,  und  der  Günstlingen  wie  Bischoffwerder  und  Wöllner  Macht
im  Staate  gab.  Damit  fiel  er  von  der  heilsamen  Überlieferung
seiner  Vorgänger  ab,  wie  auch  sein  Privatleben  nicht  hohenzollenscher
  Art  war.  Und  weil  das  Beispiel  des  Hofes  in
patriarchalisch  regierten  Staaten  für  die  Nation  maßgebend  ist,
so  verbreiteten  sich  unter  dieser  Regierung  die  Genußsucht  und
ein  schlaffes,  zerfahrenes  Wesen  in  der  ganzen  höheren  Gesellschaft
  und  bis  in  den  Bürgerstand.

Nach  außen  zeigte  sich  der  Abfall  von  Friedrichs  Überlieferung
  darin,  daß  eine  Gefühlspolitik  an  Stelle  der  Interessenpolitik
  trat.  Der  Wendepunkt  war  die  Reichenbacher  Konvention;
in  ihr  gab  Friedrich  Wilhelm  die  Gegnerschaft  zu  Österreich
  auf  und  geriet  in  dessen  Schlepptau,  während  Hertzberg
geraten  hatte,  im  Bunde  mit  den  empörten  Nationalitäten
(Belgien,  Ungarn,  Polen)  die  Zertrümmerung  Osterreichs  zu  unternehmen.


Dennoch  konnte  der  Bund  der  deutschen  Großmächte  nicht
einmal  Polens  Vernichtung  und  Rußlands  Vordringen  abwenden,
  teils  weil  jene,  von  der  schlauen  Zarin  eifrig  gegen
Frankreich  gehetzt,  ihre  Kräfte  nach  dem  Westen  gewendet  hatten,
teils  weil  die  polnische  Nation  durch  eigene  Schuld  ihren  Ruin
vollendete.

Während  die  Erwerbung  von  Danzig  und  Thorn  im  Interesse
  des  Deutschtums  und  des  Weichselhandels  von  Westpreußen,
die  Erwerbung  Posens  zur  Sicherheit  der  Grenzen  des  Staates
notwendig  war,  enthielt  der  Besitz  des  übrigen  Polens  für  Preußen
  viel  Nachteil  und  Gefahr.  Es  verlor  dadurch  an  Einheitlichkeit
  des  Volkstumes  in  Sprache,  Sitte  und  Glauben;  es
hatte  dort  unruhige,  ungebildete,  von  einem  preußenfeindlichen
Adel  und  Klerus  geleitete  Bevölkerungen  im  Joch  zu  halten.

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