60 Jahrgang
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Keues vom Tage
26. Mai.
Bei derReichstagsstichwahl in Stendal wurde der
nationalliberale Kandidat Wachhorst de Wente
gegen den Konservativen gewählt.
Kaiser Wilshelm stattet dem Erzherzog-Thronsolger
Franz Ferdinand auf Schloß Konopischt
am 12. Juni einen Besuch ab.
Das englische. Unterhaus hat die Homerule-Bill
mit 77 Stimmen endgültig angenommen. Die
Opposition verzichtete auf jede Debatte.
Das Dorf Lavalle bei Belluno in Venetien ist
niedergebrannt. Fünf Einwohner sind verbrannt.
In Porochwyje bei Petersburg tamen
sieben Kinder einer Arbeiterfamilie in
den Flammen um, welche das Haus ihrer
Eltern vernichteten.
Die Aufständischen in Albanien haben die gefangenen
holländischen Offiziere und Gendarmen
freigegeben. Ueber die letzten Vorgänge
läßt sich ein klares Bild noch nicht gewinnen.
Der Auffkand in Mlbanien.
Durazzo, 25. Mai.
lleber die Agentlichen Vorgänge in Durazzo
läßt sich immer noch kein klares Bilod gewinnen.
Joolieniche Berichte suchen den Fürsten in ein
möglichst ungünstiges Licht zu richten. Berliner
Meldungen treten ihnen entgegen. Auf alle, Fälle
isi die Lage nach wie vor ernst.
——“ '''“
Abdanlung des Fürsien?
Eine „Note“ der Tribuna erlliärt, der Fürst zu
Wied habe sich durch seine strafliche Schlappheit
und Schwäche, die hart an Absankung grenze,
um alles Ansehen und Prestige gebracht. Bei den
Albanern habe er ausgespielt. Wenn er und sein
Hof mit dem Leben davonkomme, so verdanken
sie dies nur der Energie des italiensschen Gelandten
Baron Aliotti, der, als im Palais jedermann
den Kopf verlor, die Verteidigung des Konals
organisierte und dann persönlich mit den
Rebellen verhandelte. Hätte Europa seinerzeit
dem Vorschlag Italiens gefolgt und internalionale
Detachements nach Dura#tzo gesendet, so
wäre es nicht so weit getommen.
In Paris will man wissen, Nachrichten aus
Durazzo behaupten, Fürst Wilhelm habe in
die Bedingungen der Aufständischen eingewillig!;
er soll sogar einen Abdankungsvertrag unterschrieben
haben. Wenn die Aufftändischen den
Angriff auf Durago fortsetzen sollten, s? würden
Fürst Wilhelm und seine Umgebung sich
wieder an Bord eines italienischen Kreuzers begeben,
um nach Italien zu fahren und nicht mehr
nach Albanien zurückhzukehren.
Dagegen führt ein Berliner Telegramm der
„Köln. Ztg.“ aus: In biesigen diplomalischen
Kreisen hält man mit einem Urteil über die
Handlungen des Fürsten zurück, bis man nahere
Kenntnis über die Einzelheiten der letzten Vorgänge
in Durasz hat. Es ist dankenswert, daß
die „Agenzia Stefani“ die Depesche nes ilalienischen
Gesandten in Duraszo an den Minister
San Giuliano veröffentlichte. Angeiicht- dieser
amtlichen Darstellungen können die Ausfälle einzelner
italienischer Blätter gegen den Fürsten
nicht recht ernst genommen werden. Nach dem
Zeugnis des Gesandten Aliotti suchte der Fürst
ba#s italienische Kriegsschiff nicht als Flücktling
auf, sondern um auf Bitten des italienischen
Vertreters seine Gattin in Sicherheit zu bringen.
Der Eindruck, als habe der Fürst gewissermaßen
den Kopf verloren, sei falsch. Soweit bis jetzt
ein sicheres Urteil über die Lage in Durazor möglich,
beabsichtigte der Fürst nicht etwa die Flinte
ins Korn zu werfen. Die italienische und österreichische
Diplomatie, bleibt mit den Vertretungen
der anderen Läner um einen Ausgleich der
gegenwärtigen Schwierigkeiten bemüht, damit
nach deren Ueberwindung die Arbeit zur Sicherung
des Fortbestandes der Unabhängigkeit Albaniens
weitergeführt werden kann.
Die Gesangenen der Aufständischen.
Während der Verhandlungen der Mitglieder
der internationalen Kontrolikommisskon mit den
Insurgenten bemühte sich der italieni sche Gesandte
mit dem italienischen Dragoman, die angesehensten
Führer der Aufständiichen dazu zu
bewegen, die Gefangenen, von denen eine große
Anzahl verwundet war, freimlassen. Die Eersandenen
glaubten schon, daß ihre letzte Stund
gelommen sei, und die holländischen OÖffizi eere
Balten schon dem italienischen Cesandten ihr
Geld übergeben und ihre letzten Wünsche übermittelt.
Die Unterhandlungen, die besonders dadurch
erleichtert wurden, daß der italienische Dragoman
ein guler Kenner der albanischen Sprache
und Silten ist, endigten schließlich mit der Freilassung
der Gefangenen. Der italienische Gesandte
brachte im Automobil vier Verwuncete
nach der Sladt, darunter den rumaänischen Prin-2en
Ghika. Die Aufstandsbewegung ist jedochtnoch
nicht erloschen und die Unzufriedenheit dehnt sich
in ganz Mittelalbanien aus.
Ursachen des Aufstandes.
Eine verspatete Meldung aus Dura bstat
zurüd auf die Vorgänge und sagk: Seit längerer
Zeit machte sich im ganzen Lande eine po
litische. Richtung unter der Deoise: „Albanien den
Albanern“ geltend. Zum Zwecke unbedingter
Unterstützung des Fürsten wurde in einer grohßen
Versammlung ein definitives Parteiprogramm
erörtert und die Ueberreichung eines Memoran
dums durch eine Depulation an denFürsten beschlossen.
Die neue nationalistische Partei, deren
Programm sich energisch gegen das feuherc türlische
Korruptionssystem richtete, wurde von den
Anhängern Essad Paschas lebhaft bekämpft.
Unter den Insurgenien, die keinem bestimmten
Führer zu gehorchen scheinen, hatte vor den
Vorgängen vom 18. zum 19. Mai die Meinung
geherrscht, daß Essad von ihnen als Betrüger
anzusehen sei. Die Beschießung des Hauses
Essads hatte jedoch einen völligen Umschong
herbeigeführt. Jetzt betrachten yiele dieser fanatischen
Bauern, welche wie Estad von den Nationalisten
und den holländischen (bendarmen angegriffen
worden sind, Essad als unschuldiges
Opfer und wünschen, ihn zurücksurufen. Die For-
derungen der Bauern, die von ihnen in werworrener
tumultuarischer Weise vorgebracht wurden,
waren in einem Schriftiiük zuiammengefaßt,
über welches eine lange Diolussion stattfand.
Die von den Aufftändichhen aufgestelllen Forderungen
betreffen den Schutz der muselmanischen
Religion und des Muselmanentums, sowie die
Wiederherstellung der oltomanischen Herrschaft,
insbesondere weil die gegenwärtige Regierung
die Muselmanen mil Kanonenschüssen angegrifsen
habe. Falls die Rütekr mur Turkei nicht mög
lch sei, möchte das Land sein Schitfal wierer
in die Hände Europas legen.
Hieran reihen wir noch folgende Meldung aus
Konnantinopel: In gut unterrichteten Kreisen
verlautet, daß mit der gegenwärtigen Aktion
in Albanien beabsichtigt sei, die Souveränität
des Sultans in Albanien wieder herzustellen. Im
Hause des Kriegsministere JFed Pascha hat
lünost eine Versammlung von türkischen Offizieren
und jungtürkischen Staatsmännern statt
gefunden, in. wescher, wic warlautet, beschlossen
wurde, den Fürsten Wilhem vom albanischen
Thron zu stürzen und Izzed Pascha zum neuen
Herrscher zu machen.
Polikische Rundschan.
Deutschlane.
Verbot sozialdemokratischer Festzüge.
Cegen die von einer Anzahl Provinzregierun.
gen und lokalen Polizeibehörden innerhalb
Preußens erlassenen Verbote von sozialdemokratischen
Festzügen zu Pfingsten anläßlich der
verschiedenen Provinz-Süängersete war von den
letroffenen Festveranstaltern Beschwerde b bei dem
Minister des Innern erhoben worden. Den Beschwerdeführern
ist nunmehr eröffnet worden,
daß das Ministerium di: ergangenen Verbole
nicht haufzuheben in der Lage is:, es bielmehrsbe.
den Verboten der Abhaltung von sozialistischen
Festzügen aus Gründen der offentlichen Sicherheit
sein Bewenden haben muß.
Eine Ansprache des Fapfles.
Rom, 25. Mal-Bei
dem heute Vormittag abgehaltenen gebeimen
Konsikttorium hielt der Papft eine Ansprache,
in der er seine Trauer über die Lüden ausdrückte,
Herrscher Gess.
21 Roman von W. Magnay.
Der Boden des Wagens hatte sich hier
vorn wie ein Fächer zusammengeschoben. Und
bazwischen eingeklemm lag ein menschlicher
Korper, ein Körper mit völlig zerrissenen und
gebrochenen Gliedmaßen, und ein blutüber-#ömter
Kopf mit grauenhaft verzerrten, nicht
mehr menschenähnlichen Gesichtszügen. Natürlich
reichten die Krüfte des ungen Mannes
nicht aus, dem Unglücklichen Hilfe zu bringen.
Und befüiger Zorn packte ihn beim Anblick der
Menschen, die den beiden ihrer Gefährten unlatig
zusahen.
Er wati des Spanischen mächtig; und mit
weithin schallender Stimme rief er:
„Wer ein anständiger Kerl ist, her zu mir!
Mit dem Zetern ist nichts gewonnen. Hier
vorn muß mit der Hilfe angesangen werden.“
Seine energischen Worte hatten eine wunderbare
Wirkung. Als wären die Leute plößlich
Zur Besinnung gekommen, eilten sie von allen
Seiten Berbei, ihm zu helfen. Aber man vermochte
nicht viel aud zurichten, vbatze man doch
nicht ein einziges Werkzeug, die Trümmer zu
besenigen, die die Unglücklichen eingezwängt
hielten. Zwei, drei der Verletzten zwar gelan
s mit unsäglicher Mühe, zu befreien und au
dem Rasen zu beiten. Dann aber richtete sich
Herter schweratmend auf.
t denn kein Dorf oder so etwas In der
Mabn fragte er. „Es geht ja so nicht welter.
Bis wir den einen gerettet haben, sind fünf
undere gestorben. Und es muß doch auch ein
Urgt her.“
Einer von den Leuten, die ihn umgaben,
antworlete:
„Ein Dorf liegt allerdings gar nicht weit
von hier, dort hinter dem Walde. Aber viel
haben wir von der Hilfe seiner Bewohner nicht
u erwarten. Die meisten arbeiten um diese
Zeit auf den Feldern, und es würde vielleicht
Stunden brauchen, sie herbeizuholen. Einen
Arzt gibt es meines Wissens dort auch nicht.“
„Versucht muß es immerhin werden! Wollen
Sie 9* Dorf hinuntergehen?“
r Fremde erklärte sich dazu bereit und
eilte dao. Herter aber siel mit einem Male
der Gedanke qu Doktor Manfred Raymar schwer
auf die Scele. Er konnte den Abgeordneten
nirgend erspähen; es war also zweifellos, daß
er noch unter den Trümmern lag.
z ging zum hinteren Ende des Wage
hinunter, wo er mit Raymar gecsessen n##s-Durch
die Oeffnung, die ihm den Ausgang ermöglicht
haue, fragte er ins Innere hinein:
tz Dokttor Raymar — Sin d
drinnen? Soll ich Ihnen helsen?“
lber er erhielt keine Antwort,
totenstill.
Da suchte er die Bretter weiter auseinanderzureißen.
Ein a#r Leute eilten herbei, ihm
behilflich zu sein; nd es gelang, den Weg ins
mnere des zertrümmerten Wagens feelzuegen.
wel Minuten später hatten sie Doktor Raymar
gefunden. Leblos lag er am Boden, leltsamerweise
ohne eine wahrnehmbare Verletzung. Nur
eine geringfügige Fleischwunde am Bein konnte
Herter wahrnehmen. Sie trugen ihn n den
bereits Geborgenen auf den Rasen hlnaus;
dann aber konnten sie sich nicht weiter um ihn
kümmern. Fieberhaft wurde weitex gearbeitet,
es blieb
bis die Ia aus dem Dori mit Gerätschaften
und Wagen eintrafen. Glücklicherweise war
doch ein Arzt dagewesen, der sich sogieich daran
machte, die Verwundeten zu verbinden
Fünfgehn Minuten später ging der erste
Vermmdetentran-porr nach dem Dorfe ab
„Unter den Beklagenswerten, die der surchtbaren
Eisenbahnkatastrophe bei Sevilla zum
Opter gefallen sind. befindet sich leider auch
der bekannte deutsche Reichstagsabgrordnete
Doktor Manfred Raymar. Schon auf dem
Transport nach dem Dorfe, in das man die
Verletzten und Toten getragen hat, verlor er
das Bewußtsein, um es nicht wieder zu erlangen.
Am Nachmittag ist er gestorben; und unser
Korrespondent fand nur noch seine Grabstäne
vor, als er am nächsten Morgen am Schauplatz
des Unglücks eintraf. Doktor Raymar
hielt sich zur Erholung in Cordoba auf und
wollte anscheinend zum Besuch der Stiergefechte
nach Sevilla fahren. Alle, die den liebenswürdigen
und bedeutenden Abgeordneten gekannt
haben, werden sein schreckliches Ende aufrichtig
beklagen.
„Von den übrigen Verwundeten.“ so las
man weiter, „ist noch niemand gestorben. Zwei
Deutsche, die nur leichte Verletzungen erlitten
hatten, von denen jedoch einer einen anscheinend
schweren Nervenchol davongetragen hatte, sind
auf Anraten des Arztes noch am Abend des
Schreckenstages mit dem Hilfszuge, der von
ordoba entsandt worden war, in die Stadt
zurückgekehrt, um sich in die Behandlung eines
Nervenarztes zu . Die anderen Verwundeten
sind leider durchweg nicht transport-
fäahig und müssen in dem Dörschen ###.#
werden, wo tonen Pilege nur in sehr unzu.
reichendem Maße zuteil werden kann.“
Das war die ZJeilungen f#onz, die am nachsten
Tage in dem größten Cordobaner Blatt erschien.
Sic fand ihren Weg aum in ein Hauschen der
Voritadt, und ein junger Mann übersetzte sie
dort einige Tage spater einem anderen, der
regungslos auf weißen Bertkissen lag. in die
deunche Sprache.
„Natürlich werde ich sofort einen Widerruf
einsenden. Herr Dottior.“ sagte Rudolf Herter.
„Offenbar hat man Sie mit unserem ungluck
lichen Landemann verwechselt, der so grauenhait
zugerichtet war. Nun, der Irrtum ist ja
leicht zu lorrigieren.“
Aber Dokror Manired Raymar, der sinnend
vor sich L gesehen hatte, meinte mit resigniertem
Lacheln
„Hat denn der Mann, der das da geschricben,
nicht vollkommen recht? Bin ich
denn nicht wirtlich ein Leichnom, ein lebendiger
Leichnam. Herr Herter? Sie wissen ja, wie
tröstlich die Auskunft des Ar#te lautete. Ich
werde nicht sterben, nein; aber ich werde doch
den Gebrauch meiner Glaedaßen nicht
itedererlangen: Eine Lähmung durch Nervenchok,
ganz alltagliche Sache; alltäglich nur nicht
für den, der davon betroffen wird. Nein, lieber
Freund, Sie solen leinen Widerruf an die
Jeitung einsenden.“
en grenzenlosem Erstaunen ließ Rudolf
Herter das Zeitungsblatt sinken, das er noch
in der Hand gehalten.
IFort#chung folgt.)
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