Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zwölfter Jahrgang. 1871. (12)

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Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

sein  will.  Darum  rathe  ich  Ihnen:  ziehen  Sie  Ihren  Antrag  zurück!  (Beifall.)
Reichensperger  (Crefeld,  clerical):  Abg.  v.  Stauffenberg  fürchtet  von  der
Aufnahme  des  Art.  15  der  preußischen  in  die  Reichsverfassung  den  Eintritt
des  Chaos:  ist  in  Preußen  etwas  vom  Chaos  zu  spüren?  Im  Gegentheil
gestalten  sich  die  kirchlichen  Dinge  in  Preußen  immer  gesunder  und  normaler.
Stürme  hat  es  in  der  katholischen  Kirche  von  jeher  gegeben,  aber  das  Schifflein
Petri  bleibt  allezeit  oben.  Auch  hat  sich  durch  das  Unfehlbarkeitsdogma  den
Staaten  gegenüber  nichts  geändert.  Denn  von  jeher  war  der  Papst  die  unbestrittene
  Autorität  in  allen  Fragen  kirchlicher  Lehre  und  Sitte;  wer  sich  ihr
nicht  fügte,  trat  eben  aus  der  Kirche  aus,  wie  die  Jansenisten;  neu  hinzugekommen
  ist  jetzt  nur,  daß  die  Katholiken  nicht  nur  der  Aukorität  äußerlich
folgen,  sondern  auch  innerlich  an  sie  glauben.  Uns  für  die  Sprache  aller
katholischen  Blätter  verantwortlich  zu  machen,  wäre  unloyal  und  unklug.  Auf
derartige  Vorwürfe  zu  antworten,  halten  wir  unter  unserer  Würde.  Crämer
(Bayern,  Fortschr.):  Wer  hat  denn  die  Antragsteller  mit  einem  Male  in  die
unangenehme  Lage  gebracht,  aus  der  sie  nur  durch  Wiedereinführung  der
Grundrechte  befreit  werden  können?  Erfreulich  ist,  daß  es  gerade  von  katholischer
  Seite  öffentlich  hat  ausgesprochen  werden  müssen,  wie  sie  nunmehr  von
dem  Grundsatze  der  Glaubenseinheit  absehe  und  nur  der  Glaubensfreiheit  das
Wort  rede.  Diese  Ansicht  wurde  früher  verketzert,  jetzt  wird  sich  diese  Ketzerei
in  Zukunft  hoffentlich  vermehren.  Unter  Einer  Bedingung  sind  die  Forderungen
der  Antragsteller  zu  erfüllen:  wenn  den  Gegnern  der  Anträge  gestattet  würde,
die  Erziehung  ihrer  Kinder  selber  in  die  Hand  zu  nehmen.  Ich  bin  gern
bereit,  den  Antragstellern  amerikanische  Zustände  zu  gewähren,  aber  in  Amerika
dürfen  auch  die  Geistlichen  nicht  wählen,  nicht  Mitglieder  des  Parlaments  sein.
Hiermit  wird  der  Schluß  der  Debatte  angenommen.

1.  April.  (Deutsches  Reich.)  Der  Bundeskanzler  legt  dem  Bundesrathe

  den  Entwurf  eines  Gesetzes  betr.  die  Vereinigung  von  Elsaß-Lothringen
  mit  dem  Reiche  vor:

„Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  Deutscher  Kaiser,  König  von  Preußen  etc.,
verordnen  hiemit  im  Namen  des  Deutschen  Reichs,  nach  erfolgter  Zustimmung
des  Bundesraths  und  des  Reichstags,  wie  folgt:  §  1.  Die  von  Frankreich
durch  den  Art.  I  des  Präliminar-Friedens  vom  26.  Febr.  1871  abgetrelenen
Gebiete  Elsaß  und  Lothringen  werden,  unbeschadet  der  in  diesem  Artikel  vorbehaltenen
  endgültigen  Bestimmung  ihrer  Grenze,  mit  dem  Deutschen  Reiche
für  immer  vereinigt.  §  2.  Die  Verfassung  des  Deutschen  Reichs  tritt  in
Elsaß  und  Lothringen  am  1.  Januar  1874  in  Kraft.  Durch  Verordnung  des
Kaisers,  im  Einvernehmen  mit  dem  Bundesrath,  können  einzelne  Abschnitte
der  Verfassung  schon  früher  in  Wirksamkeit  gesetzt  werden.  §  3.  Auch  in  den
der  Reichsgesetzgebung  in  den  Bundesstaaten  nicht  unterliegenden  Angelegenheiten
  steht  für  Elsaß  und  Lothringen  das  Recht  der  Gesetzgebung  dem  Reiche
zu,  und  wird  bis  zur  Einführung  der  Reichsverfassung  (§  2)  vom  Kaiser,  im
Einvernehmen  mit  dem  Bundesrath,  ausgeübt.  Alle  andern  Rechte  der  Staatsgewalt
  übt  der  Kaiser  aus.“

"   "  (Preußen.)  Die  Professoren  der  Bonner  Universität,  Hilgers,
Langen  und  Reusch,  werden  wegen  ihres  Widerstandes  gegen  Anerkennung
  der  vaticanischen  Concilsbeschlüsse  vom  Erzbischof  von  Köln
a  sacris  suspendirt,  nachdem  dieselbe  Maßregel  schon  gegen  die  Prof.
Knoodt  und  Birlinger  erlassen  worden  ist.

"   "  (Preußen.)  Eine  große  Anzahl  angesehener  Kölner  Bürger  protestiren
  in  einer  Eingabe  an  den  Reichstag  mit  Zorn  und  Energie
gegen  die  unwürdigen  Mittel,  mit  welchen  die  ultramontane  Partei  in

der  Rheinprovinz  die  ihr  günstigen  Wahlen  zu  Stande  gebracht  habe: