Full text : Geschichte des Preußischen Verwaltungsrechts. 2. Band. (2)

160  Der  Kreistag.

daß  bei  der  ersten  Nachricht  von  einer  Desertion  die  Glocken  in  den  Dörfern
angezogen,  die  Bauern  und  Unterthanen  zur  Besetzung  der  Pässe  und  Brücken,
auch  zum  Nachsetzen  angehalten  würden,  überhaupt  daß  alle  diesbezüglichen
Bestimmungen  der  Edikte  zur  Durchführung  kämen.  Die  Edikte  hatte  er
deshalb  wiederholentlich  durch  die  Prediger  publizieren  zu  lassen.  Die  Aushebung,
  welche  unter  Friedrich  Wilhelm  I.  ausschließlich  Sache  des  Kapitäns
gewesen  war,  dem  der  Kanton  gehörte,  hatte  Friedrich  der  Große  gleichzeitig
mit  der  Bildung  von  Regimentskantons  statt  der  bisherigen  für  die  Kompagnien
  einem  vom  Regimentskommandeur  beauftragten  Offiziere  und  dem
Landrate  gemeinschaftlich  übertragen,  die  als  Kreisersatzktommission  zusammen
die  Aushebung  vorzunehmen  hatten.

Während  auf  dem  Gebiete  der  Polizeiverwaltung  und  des  Militärwesens
der  Kreis  selbst  eigentlich  keinen  Verwaltungsbezirk  bildet,  sondern  nur  der
Landrat  als  königlicher  Kommissar  verschiedene  dahin  einschlagende  Funktionen
versieht,  ruht  der  Schwerpunkt  der  immer  noch  vorhandenen  Selbstverwaltung
des  Kreises  auf  dem  Gebiete  der  Finanzen,  wo  zugleich  der  Kreis  den  untersten
Verwaltungsbezirk  bildet,  während  die  Patrimonialherrschaften  mit  der  Finanzverwaltung
  gar  nicht  befaßt  sind.  Die  Organe  dieser  Selbstverwaltung  sind
dieselben  wie  früher.  Der  Kreistag  behält  die  Zusammensetzung,  die  er  bisher
schon  hatte,  er  besteht  aus  den  Rittergutsbesitzern,  einem  Vertreter  der  Kriegsund
  Domänenkammer  für  die  königlichen  Amter  und  dem  Steuerrate  als
Vertreter  der  Mediatstädte.  Herkömmlicher  Weise  hatten,  seit  durch  die  Lehensallodifikation
  die  Veräußerung  der  Rittergüter  ermöglcht  war,  auch  bürgerliche
Rittergutsbesitzer  auf  den  Kreistagen  Sitz  und  Stimme  gehabt.  Auf  eine
Beschwerde  der  Ritterschaft  des  Kreises  Krossen  entschied  jedoch  der  König
1769  entgegen  den  Vorschlägen  des  Generaldirektoriums,  daß  nur  die  Adligen
Zutritt  haben  sollten,  und  durch  eine  kgl.  Verordnung  vom  18.  2.  17751)
wurde  festgesetzt,  daß  auch  diejenigen  Bürgerlichen,  welche  mit  königlichem
Konsens  in  den  Besitz  eines  Ritterguts  gelangten,  von  Sitz  und  Stimme  auf
den  Kreistagen  ausgeschlossen  sein  sollten.  Zu  den  bisherigen  Mitgliedern
des  Kreistages  traten  jetzt  neu  hinzu  Vertreter  des  Magistrats  aus  denjenigen
Immediatstädten,  welche  in  dem  Kreise  Dörfer  besaßen.  Bisher  waren  solche
observanzmäßig  nur  bei  einzelnen  Kreistagen  zugelassen  worden.  Am  29.  9.
1756  entschied  aber  der  König  auf  eine  Beschwerde  des  Magistrats  zu  Prenzlau,
der  zu  den  Kreistagen  nicht  eingeladen  war,  die  Magistrate  aller  im  Kreise
mit  Dörfern  begüterten  Städte  seien  zu  den  Kreisversammlungen  zuzulassen
und  einzuladen,  wenngleich  sie  schon  durch  die  Steuerräte  vertreten  würden.?)

1)  N.  C.  C.  V,  2,  S.  47.
2)  Wöhner  Steuerverfassung  III,  Nr.  241,  242,  246.