BEILAGE I.
Der Staat als Organismus.
Die ältere deutsche Staatsrechtswissenschaft beschränkte
sich darauf, den Staat als eine geschichtliche
Gremeinschaft darzustellen und die darin erwachsenen
Rechte der Einzelnen zu beschreiben. Wenn der Maassstab
zur Beurtheilung einer Staatsauffassung in der Art
und Weise liegt, in welcher sie das Bedürfniss des
Volks nach politischer Gestaltung befriedigt, so erscheint
jene ältere Wissenschaft vom Staate höchst
dürftig und unvollkommen; sie versuchte es nicht, die
Staatsgewalt als eine Alles durchdringende Herrschaft
für Zwecke des Rechts und der Cultur zu entwickeln,
sie stellte sich nicht die Aufgabe, jedem einzelnen Volksgliede
und Gesellschaftskreise seine rechtliche Stellung
im politischen Ganzen zu sichern, sondern beschränkte
sich auf eine Aneinanderreihung historischer Einzelrechte,
deren juristische Behandlung sich nicht wesentlich von
der des Privatrechts unterschied. Man kann jene ältere
Staatswissenschaft deshalb nicht tadeln; sie hatte den
Staat nicht zu schaffen, sondern so, wie er sich vorfand,
nur darzustellen.