Full text : Die Weltgeschichte. Dritter Theil. Die neue Zeit. (3)

546  Die  Zeit  von  1815  bis  1847.

wendig  ist.  Es  geschah  deßwegen  im  höchsten  Interesse  des  europäischen
Friedens,  daß  sich  Rußland,  England,  Oesterreich  und  Preußen
zur  Aufrechthaltung  des  türkischen  Reiches  vereinigten  und  Frankreich  angelegentlich
  zum  Bettritte  einluden.  Dies  weigerte  sich,  weil  die  vier
Mächte  Mehemet  Alis  Gebiet  auf  Aegypten  und  ein  Stück  Syriens  beschränken
  wollten  und  sich,  im  Falle  er  nicht  gütlich  nachgeben  würde,
zu  Zwangsmaßregeln  verpflichteten.  Damals  war  Thiers  Minister  der
auswärtigen  Angelegenheiten  und  sein  Einfluß  vermochte  Louis  Philipp,
die  Sache  auf  die  Spitze  zu  treiben;  da  Frankreich  es  beharrlich  ablehnte,
mit  den  vier  andern  Mächten  Mehemet  Ali  in  seine  Schranken  zurückzuweisen,
  so  schloßen  diese  den  15.  Juli  1840  zu  London  einen  förmlichen
Vertrag  und  schritten  zu  dessen  Ausführung,  indem  eine  englisch-österreichische
  Flotte  nebst  einigen  türkischen  Schiffen  sich  gegen  die  Küsten
Syriens  wandte.  Nun  begannen  in  Frankreich  furchtbare  Kriegsrüstungen,
der  kriegerische  Geist  der  Nation  wurde  aufgestachelt,  aber  Thiers  wagte
nicht,  dem  kühnen  Admiral  Lalande  die  Erlaubniß  zum  Angriffe  auf
die  etwas  schwächere  englische  Flotte  zu  geben,  obwohl  derselbe  mit  seinem
  Kopfe  für  den  Erfolg  bürgen  wollte,  sondern  man  bezeichnete
Deutschland  als  das  Ziel  des  französischen  Angriffs.  „Frankreich  läßt
sich  sein  Schlachtfeld  nicht  vorschreiben“,  erklärten  die  Organe  des  Herrn
Thiers,  als  sich  in  Deutschland  ein  zlemliches  Murren  gegen  die  französische
  Vorliebe  für  den  deutschen  Kriegsschauplatz  erhob,  und  franzöfsche
Roßkäufer,  die  in  Deutschland  und  der  Schweiz  40,000  Stück  (manches
darunter  vorzüglich  geeignet,  seinen  Reiter  bei  der  ersten  Gelegenheit
halsbrecherisch  abzusetzen)  aufbrachten,  erklärten  mit  einer  nur  Franzosen
möglichen  Naivetät  den  gemüthlichen  Vorwürfen  deutscher  Privatpolitiker:
„II  nous  faut  les  Alpes  et  le  Rhin;  quant  à  TEgypte,  cela  ne  nous
regarde  plus“  (wir  brauchen  die  Alpen  und  den  Rhein,  um  Aegypten
kümmern  wir  uns  jetzt  nichts).  Die  Abberufung  des  Admirals  Lalande
von  der  Flotte,  die  sich  aus  den  Gewässern  der  Levante  in  die  griechischen
  zurückjiehen  mußte,  und  die  ganze  unsichere  Haltung  des  französischen
  Kabinets  gegenüber  der  entschlossenen  doch  nicht  herausfordernden
der  vier  Großmächte  belehrte  jedoch  die  Franzosen  bald,  daß  ihre  Regierung
  das  Schwert  nicht  aus  der  Schelde  ziehen  werde,  was  eine  allgemeine
  Mißstimmung  zur  Folge  hatte,  weniger  deßwegen,  daß  es  nicht
zum  Kampfe  kam,  als  daß  die  Regierung  eine  solche  Verwicklung  mit
Europa  herbeigeführt  hatte.  Diese  Wendung  veranlaßte  Louis  Napoleon
  zu  einem  abermaligen  Versuche.  Er  lebte  seit  seiner  Vertreibung
aus  der  Schweiz  in  England  und  schien  um  so  weniger  gefährlich,  als
sein  Vermögen  ganz  erschöpft  war.  Louis  Philipp  hatte  es  vor  dem
Ausbruch  der  orilentalischen  Krisis  für  klug  gefunden,  den  Manen  Napoleons
  eine  großartige  Huldigung  darzubringen,  indem  er  von  der  eng-