Blücher: Schieß= und Sprengstoffe
die Schießbaumwolle bezeichnet man (chemisch nicht
anz richtig) als Nitrozellulose. Nach der Zuammensetzung
des Säuregemisches, nach der Länge
und Temperatur der Nitrierung bildensich verschiedene
Nitrozellulosen. Neben der eigentlichen Schießbaumwolle
kann man z. B. die Kollodiumwolle erzeugen,
die keine so starke Sprengkraft hät und sich in
einem Gemisch von Alkohol und Ather auflöst; die
Lösung, Kollodium genannt, hinterläßt beim
Trocknen ein elastisches Häntchen und wird in der
Photographie und Chirurgie benutzt Auch Kunstseide
und Zelluloid macht man daraus, aber auch für die
Sprengtechnik hat die Kollodiumwolle die größte
Bedeutung (s. unten).
Gegenüber dem Schwarzpulver entfaltet Schießbaumwolle
als Explosivstoff gewaltige Kräfte. Denn
hier handelt es sich um wirkliche chemische Bindung,
nicht um ein bloßes Gemisch. Dagegen ließ sich die
Schießbaumwolle nicht, wie man gchofft hatte, als
Geschoßtreibmittel verwenden, denn sie explodiert zu
heftig, u. die Zersetzungsgeschwindigkeit ist so groß, daß
die Rohrwandungen der Waffen beschädigt werden.
Um so größere Bedeutung gewapn die Schießbaum ·
wolle für Sprengzwecke. Sie bildet noch jetzt die am
meisten gebrauchte Füllung für Torpedos u Seeminen,
und fürc Pioniersprengungen steht sie in hoher Gunst.
Aus diesem Grunde und weil die Nitrozellulosen
für die Erzeugung von rauchlosem Pulver unentbehrlich
sind, bildete in diesem Kriege die Blockade für die
Mittelmächte eine schwere Gefahr, wurde doch dadurch
fast jede Emfuhr von Baumwolle unterbunden. Es
ist ader den deutschen Chemikern gelungen, aus Nadelholz
eine ebenso reine und zarte Zellulose zu machen,
wie es die Baumwolle ist, und bereits seit Mitte 1915
wurde in Deutschland kein Kilogramm der Baumwollvorräte
mehr durch Nitrierung zum Explosivstoff
umgewandelt. Man konnte also die noch vorhandene
Baumwolle für häusliche, lechnische und chirurgische
Zwecke aufsparen.
Nitroglyzerin.
Das Nitroglyzerin oder Sprengöl wird durch
Einlaufenlassen von reinem Glyzerin in ein Gemisch
von Salpetersäure und Schwefelsaure hergestellt. Auch
hier sind Zusammensetzung der Mischsäure sowie
Zeitdauer u. Temperatur der Nitrierung wichlig. Man
nitriert unter Kühlung mit Wasser oder Luft und
läßt dann das Gemiisch ruhig stehen, wobei das Nitro-Klyzerin
als Ol sich oben ansammelt und abgezogen
werden kann; mehrmaliges Waschen beschließt den
Prozeß. Das Nitroglyzerin — auch hier ist die Bezeichnung
als-Nitroe körper nicht ganzrichtig — wurde
1846 in Turin enddeckt, aber erst 1863 von dem
Schweden Alfred Nobel für Sprengzwecke nutzbar
Hemacht. Es ist ein giftiges Ol, das bei Stoß oder
chlag leicht explodiert und deshalb gefährlich zu
bandhaben ist. Besonders drohen Explosionen beim
iederauftauen von gefrornem Nitroglyzerin. Deshalb
zieht man neuerdings für manche Zwecke ein
schwächer nilriertes Produkt, das Dinitroglozerin,
vor, das nicht so leicht gefriert, auch gegen Stoß und
Schlag unempfindlicher ist als das eigentliche Nitro-Ilyzerin
(Trinitroglyzerin).
Die furchtbaren Sprengwirkungen des Nitroglyzerins
ließen sich anfangs kaum nutzbar machen.
vte spielt diese Verbindung die größte Rolle in
Form von Dynamit und Sprenggelatine, ferner als
Bestandteil vieler rauchschwacher Pulversorten.
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Dynamit und Sprenggelatine.
Um das Nitroglyzerin verfandfühig, auch in der
Anwendung weniger gefährlich zu machen, ließ es
Nobel von einer geeigneten festen Masse, nämlich
Kieselgur (Infusorienerde), zu einer plastischen Masse
aufsaugen, nachdem er vorher dafür einfachen Sandversucht
hatte; er nannte die Masse Dynamit.
Später ging er noch einen Schritt weiter und schuf
außer dem Gurdynamit auch Dynamite mit wirksamem
Aufsaugungsstoff, bei denen dieser also die
Sprengwirkung unterstützt. So wurden Salpeter,
Kohle und Holzmehl zur Aufsaugung benutzt, wichtiger
aber war der Vorschlag, Nitroglyzerin mit 3—4 Proz.
Kollodiumwolle zu mischen. Hierbei gelatinierte das
Nitroglyzerin, und das zähe Gelatineöl hält es fest
gebunden. Mit Salpeter und Holzmehl verknetet ergibt
es die Gelatinedynamite, die besonders
sprengkräftig sind, weil sie Nitroglyzerin mit Schießbaumwolle
oder mit Kollodiumwolle vereinigen. Noch
gewaltiger wirkt die von Nobel 1875 erfundene
Sprenggelatine. Sie wird durch Auflösen von
7—10 Proz. Kollodiumwolle in 93—90 Proz. Nitroglyzerin
erhalten; Zumischpulver finden keine Anwendung.
Rauchschwache Pulver.
Explosivstoffe, die bei der Verpuffuny keinen festen
Rückstand hinterlassen, entwickeln auch keinen Rauch,
was für Heereszwecke wichtig ist. Da aber immer
noch eine Wasserdampfwolke sichtbar bleibt, spricht
man besser von rauchschwachem, nicht von rauchlosem
Pulver. .
Von den vergeblichen Versuchen, Schießbaumwolle
als Geschoßtreibmittel einzuführen, war schon die
Rede. Troß der Mißerfolge blieben auf diesem Gebiete
immer Forscher tätig. Endlich gelang es 1886 Vieille
in Paris, ein solches Geschoßtreibmittel zu schaffen.
indem er Schießbaumwolle mittels eines Lösungsmittels
vollständig gelatinierte, die Masse zu dünnen
Platten auswalzte und sie in Streifen schnitt.
Die heutigen rauchschwachen Pulver teilt man in
Nitrozellulosepulver und Nitroglyzerinpulver
ein. Jene stellt man noch ähnlich wie
Vieille dar, und zwar dient als Gelatinierungsmittel
für hochnitrierte Nitrozellulosen (Schießbaumwolle)
Azeton, für niedrig nitrierte (Lollodiumwolle) Ather-Alkohol;
auch Essigäther findet Verwendung. Nach
der Form der Pulverteilchen unterscheidet man Blättchenpulver,
Filit (Fadenpulver) u. a. m.
Die Nitroglyzerinpulver bssteben aus Nitroellulosen
und Nitroglyzerin, entsprechen also der
Mobelschen Sprenggelaline. So wird Ballistit aus
gleichen Teilen löslicher Nitrozellulose und Nitroglyzerin
hergestellt, während Kordit 65 Proz. Schießbaumwolle,
30 Proz. Nitroglyzerin und 5 Proz. Vaseline
enthält. Nitroglyzerinpulver sind kräftiger als
Nitrozellulosepulver, greifen aber auch die Rohre
stärker an; jene werden daher insbes. für schwere
Geschütze, diese für Gewehre und leichte Geschüctze verwendet.
Andere Pulversorten müssen hier Übergangen
werden. Für alle ist von größter Wichtigkeit khre chemische
Unveränderlichkeit, d. h. die Fähigleit, lange
ohne Zersetzung zu lagern.
Pilrinsäure und Trinitrotoluol.
Pikrinsäure, chemisch Trinitrophenol, ist als
gelder Farbstoff seit 1771 bekannt, aber erst 1873 als