Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Blücher:  Schieß=  und  Sprengstoffe

die  Schießbaumwolle  bezeichnet  man  (chemisch  nicht
anz  richtig)  als  Nitrozellulose.  Nach  der  Zuammensetzung
  des  Säuregemisches,  nach  der  Länge
und  Temperatur  der  Nitrierung  bildensich  verschiedene
Nitrozellulosen.  Neben  der  eigentlichen  Schießbaumwolle
  kann  man  z.  B.  die  Kollodiumwolle  erzeugen,
  die  keine  so  starke  Sprengkraft  hät  und  sich  in
einem  Gemisch  von  Alkohol  und  Ather  auflöst;  die
Lösung,  Kollodium  genannt,  hinterläßt  beim
Trocknen  ein  elastisches  Häntchen  und  wird  in  der
Photographie  und  Chirurgie  benutzt  Auch  Kunstseide
und  Zelluloid  macht  man  daraus,  aber  auch  für  die
Sprengtechnik  hat  die  Kollodiumwolle  die  größte
Bedeutung  (s.  unten).

Gegenüber  dem  Schwarzpulver  entfaltet  Schießbaumwolle
  als  Explosivstoff  gewaltige  Kräfte.  Denn
hier  handelt  es  sich  um  wirkliche  chemische  Bindung,
nicht  um  ein  bloßes  Gemisch.  Dagegen  ließ  sich  die
Schießbaumwolle  nicht,  wie  man  gchofft  hatte,  als
Geschoßtreibmittel  verwenden,  denn  sie  explodiert  zu
heftig,  u.  die  Zersetzungsgeschwindigkeit  ist  so  groß,  daß
die  Rohrwandungen  der  Waffen  beschädigt  werden.
Um  so  größere  Bedeutung  gewapn  die  Schießbaum  ·
wolle  für  Sprengzwecke.  Sie  bildet  noch  jetzt  die  am
meisten  gebrauchte  Füllung  für  Torpedos  u  Seeminen,
und  fürc  Pioniersprengungen  steht  sie  in  hoher  Gunst.

Aus  diesem  Grunde  und  weil  die  Nitrozellulosen
für  die  Erzeugung  von  rauchlosem  Pulver  unentbehrlich
  sind,  bildete  in  diesem  Kriege  die  Blockade  für  die
Mittelmächte  eine  schwere  Gefahr,  wurde  doch  dadurch
fast  jede  Emfuhr  von  Baumwolle  unterbunden.  Es
ist  ader  den  deutschen  Chemikern  gelungen,  aus  Nadelholz
  eine  ebenso  reine  und  zarte  Zellulose  zu  machen,
wie  es  die  Baumwolle  ist,  und  bereits  seit  Mitte  1915
wurde  in  Deutschland  kein  Kilogramm  der  Baumwollvorräte
  mehr  durch  Nitrierung  zum  Explosivstoff
umgewandelt.  Man  konnte  also  die  noch  vorhandene
Baumwolle  für  häusliche,  lechnische  und  chirurgische
Zwecke  aufsparen.

Nitroglyzerin.

Das  Nitroglyzerin  oder  Sprengöl  wird  durch
Einlaufenlassen  von  reinem  Glyzerin  in  ein  Gemisch
von  Salpetersäure  und  Schwefelsaure  hergestellt.  Auch
hier  sind  Zusammensetzung  der  Mischsäure  sowie
Zeitdauer  u.  Temperatur  der  Nitrierung  wichlig.  Man
nitriert  unter  Kühlung  mit  Wasser  oder  Luft  und
läßt  dann  das  Gemiisch  ruhig  stehen,  wobei  das  Nitro-Klyzerin
  als  Ol  sich  oben  ansammelt  und  abgezogen
werden  kann;  mehrmaliges  Waschen  beschließt  den
Prozeß.  Das  Nitroglyzerin  —  auch  hier  ist  die  Bezeichnung
  als-Nitroe  körper  nicht  ganzrichtig  —  wurde
1846  in  Turin  enddeckt,  aber  erst  1863  von  dem
Schweden  Alfred  Nobel  für  Sprengzwecke  nutzbar
Hemacht.  Es  ist  ein  giftiges  Ol,  das  bei  Stoß  oder

chlag  leicht  explodiert  und  deshalb  gefährlich  zu
bandhaben  ist.  Besonders  drohen  Explosionen  beim

iederauftauen  von  gefrornem  Nitroglyzerin.  Deshalb
  zieht  man  neuerdings  für  manche  Zwecke  ein
schwächer  nilriertes  Produkt,  das  Dinitroglozerin,
vor,  das  nicht  so  leicht  gefriert,  auch  gegen  Stoß  und
Schlag  unempfindlicher  ist  als  das  eigentliche  Nitro-Ilyzerin
  (Trinitroglyzerin).

Die  furchtbaren  Sprengwirkungen  des  Nitroglyzerins
  ließen  sich  anfangs  kaum  nutzbar  machen.

vte  spielt  diese  Verbindung  die  größte  Rolle  in
Form  von  Dynamit  und  Sprenggelatine,  ferner  als
Bestandteil  vieler  rauchschwacher  Pulversorten.

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Dynamit  und  Sprenggelatine.

Um  das  Nitroglyzerin  verfandfühig,  auch  in  der
Anwendung  weniger  gefährlich  zu  machen,  ließ  es
Nobel  von  einer  geeigneten  festen  Masse,  nämlich
Kieselgur  (Infusorienerde),  zu  einer  plastischen  Masse
aufsaugen,  nachdem  er  vorher  dafür  einfachen  Sandversucht
  hatte;  er  nannte  die  Masse  Dynamit.
Später  ging  er  noch  einen  Schritt  weiter  und  schuf
außer  dem  Gurdynamit  auch  Dynamite  mit  wirksamem
  Aufsaugungsstoff,  bei  denen  dieser  also  die
Sprengwirkung  unterstützt.  So  wurden  Salpeter,
Kohle  und  Holzmehl  zur  Aufsaugung  benutzt,  wichtiger
aber  war  der  Vorschlag,  Nitroglyzerin  mit  3—4  Proz.
Kollodiumwolle  zu  mischen.  Hierbei  gelatinierte  das
Nitroglyzerin,  und  das  zähe  Gelatineöl  hält  es  fest
gebunden.  Mit  Salpeter  und  Holzmehl  verknetet  ergibt
  es  die  Gelatinedynamite,  die  besonders
sprengkräftig  sind,  weil  sie  Nitroglyzerin  mit  Schießbaumwolle
  oder  mit  Kollodiumwolle  vereinigen.  Noch
gewaltiger  wirkt  die  von  Nobel  1875  erfundene
Sprenggelatine.  Sie  wird  durch  Auflösen  von
7—10  Proz.  Kollodiumwolle  in  93—90  Proz.  Nitroglyzerin
  erhalten;  Zumischpulver  finden  keine  Anwendung.


Rauchschwache  Pulver.

Explosivstoffe,  die  bei  der  Verpuffuny  keinen  festen
Rückstand  hinterlassen,  entwickeln  auch  keinen  Rauch,
was  für  Heereszwecke  wichtig  ist.  Da  aber  immer
noch  eine  Wasserdampfwolke  sichtbar  bleibt,  spricht
man  besser  von  rauchschwachem,  nicht  von  rauchlosem
  Pulver.  .

Von  den  vergeblichen  Versuchen,  Schießbaumwolle
als  Geschoßtreibmittel  einzuführen,  war  schon  die
Rede.  Troß  der  Mißerfolge  blieben  auf  diesem  Gebiete
immer  Forscher  tätig.  Endlich  gelang  es  1886  Vieille
in  Paris,  ein  solches  Geschoßtreibmittel  zu  schaffen.
indem  er  Schießbaumwolle  mittels  eines  Lösungsmittels
  vollständig  gelatinierte,  die  Masse  zu  dünnen
Platten  auswalzte  und  sie  in  Streifen  schnitt.

Die  heutigen  rauchschwachen  Pulver  teilt  man  in
Nitrozellulosepulver  und  Nitroglyzerinpulver
  ein.  Jene  stellt  man  noch  ähnlich  wie
Vieille  dar,  und  zwar  dient  als  Gelatinierungsmittel
für  hochnitrierte  Nitrozellulosen  (Schießbaumwolle)
Azeton,  für  niedrig  nitrierte  (Lollodiumwolle)  Ather-Alkohol;
  auch  Essigäther  findet  Verwendung.  Nach
der  Form  der  Pulverteilchen  unterscheidet  man  Blättchenpulver,
  Filit  (Fadenpulver)  u.  a.  m.

Die  Nitroglyzerinpulver  bssteben  aus  Nitroellulosen

  und  Nitroglyzerin,  entsprechen  also  der

Mobelschen  Sprenggelaline.  So  wird  Ballistit  aus
gleichen  Teilen  löslicher  Nitrozellulose  und  Nitroglyzerin
  hergestellt,  während  Kordit  65  Proz.  Schießbaumwolle,
  30  Proz.  Nitroglyzerin  und  5  Proz.  Vaseline
  enthält.  Nitroglyzerinpulver  sind  kräftiger  als
Nitrozellulosepulver,  greifen  aber  auch  die  Rohre
stärker  an;  jene  werden  daher  insbes.  für  schwere
Geschütze,  diese  für  Gewehre  und  leichte  Geschüctze  verwendet.


Andere  Pulversorten  müssen  hier  Übergangen
werden.  Für  alle  ist  von  größter  Wichtigkeit  khre  chemische
  Unveränderlichkeit,  d.  h.  die  Fähigleit,  lange
ohne  Zersetzung  zu  lagern.

Pilrinsäure  und  Trinitrotoluol.

Pikrinsäure,  chemisch  Trinitrophenol,  ist  als
gelder  Farbstoff  seit  1771  bekannt,  aber  erst  1873  als