454
nach eigener Phantasie und ohne historischen Boden, zum Lobe
dieses Mannes sagen können oder mögen? Vielleicht das Wort
von Göthe, daß erst mit Friedrichs II. Thaten im siebenjährigen
Kriege ein wahrer Inhalt in die deutsche Poesie gekommen sei?
In Wahrheit scheint uns dies Wort des großen Dichters über den
König nicht Stoff zu bieten für den vielen Verbrauch, den man
davon gemacht. Denn Friedrichs Absicht und Wunsch war das
nicht. Er kümmerte sich nicht darum.
Friedrich II. selbst hat, wenn auch nicht von unserem deutschnationalen
Gesichtspunkte aus, doch in ähnlichem Sinne sich ausgesprochen.
Der Franzose Mirabeau 41) wagte dem Könige gegenüber
sein Bedauern auszusprechen, daß Friedrich der deutschen Literatur
eine solche Gleichgültigkeit bewiesen. „Warum ist der Cäsar der
Deutschen,“ fragte ihn Mirabeau, „nicht auch ihr August geworden?
Warum hat Friedrich der Große sich nicht die Mühe
nehmen wollen sich an dem Ruhme der zu seiner Zeit bewirkten
Revolution in der Literatur zu betheiligen, sie durch sein Genie,
seine Macht zu beschleunigen und furchtbar zu machen?“ — „Was
hätte ich aber,“ erwiederte Friedrich, „zum Besten der deutschen
Gelehrten wohl thun können, das so vortheilhaft für sie gewesen
wäre, als der Umst and, daß ich gar nicht an sie dachte und ihre
Bücher nicht las?" —
Also verhält sich in Wahrheit die Sache, und zwar in höherem
Maße, als der König es selber sagt und meint. Seine Gunst
für das Franzosenthum war negativ ein Glück für die Deutschen.
Sie reizte zu Widerspruch und Widerstreben. Klopstocks Ruf zur
Einkehr in das deutsche Vaterland fand Widerhall an allen Orten.
„Man that alles, um sich vor dem Könige bemerkbar zu machen,
nicht etwa, um von ihm geachtet, sondern nur um beaachtet zu
werden; aber man that es auf deutsche Weise nach innerer Ueber-—.
1) Mir. u. Mauv. I. 166.