40 Bas Beuische Reich und seine einjelnen Glieder. (Januar 17. 18.)
17. Januar. (Preußischer Landtag.) Erste Lesung des
Wohnungsgesetzes.
18. Januar. (Preußen.) In Berlin findet die erste Tagung
des vor einiger Zeit begründeten Preußenbundes unter Vorsitz
des Handelskammersyndikus Dr. Rocke, Hannover, statt. Der Bund
will, angeregt durch die Vorgänge in Zabern, die Rechte und die
Eigenart des Preußentums im Reiche wieder mehr zur Geltung
bringen.
Weitere Erörterungen knüpften sich an eine auf diesem „Preußentage“
gehaltene Rede des Generalleutnants z. D. v. Kracht (Dessau), über
die berichtet worden war, er habe eine angeblich selbsterlebte Episode aus
der Schlacht bei Orleans 1870 geschildert, wo die Bayern (wir folgen hier
dem Bericht) „sich vor dem französischen Feuer zurückzogen, die Preußen
aber flott angegriffen hätten. Wenn wir kommen, kriegen sie alle Courage."
Die „Bayerische Staatszeitung“ greift den Bericht der Blätter auf und bemerkt
dazu: „Es ist aus den bisher vorliegenden Berichten nicht ersichtlich,
welchen Abschnitt der Schlacht bei Orleans Herr von Kracht im Auge hatte.
Unter allen Umständen aber muß jetzt schon gegen die dreiste Anmaßung
Einspruch erhoben werden, mit der er das Verhalten verschiedener Truppenteile
der verbündeten Armeen gegeneinander auszuspielen sucht, um so mehr,
als gerade in den Kämpfen in und um Orleans die bayerische Armee unter
den schwersten Verlusten sich heldenmütig geschlagen und mit unvergänglichem
Ruhm bedeckt hat. Die Freude an den gemeinsamen großen Erinnerungen,
die Preußen und Bayern aus den Jahren 1870 71 verbinden,
wird durch solche Entgleisungen eines einzelnen nicht beeinträchtigt werden.
können, immerhin aber sind sie auf das lebhafteste zu bedauern.“
Darauf klärt General v. Kracht in einem Schreiben an den preußischen
Kriegsminister und einem weiteren an die „Bayerische Staatszeitung"“ den
durch mißverständliche Berichterstattung geschaffenen Irrtum auf, worauf
die „Bayerische Staatszeitung“ bemerkt: „Die vom Geiste ritterlicher Kameradschaft
diktierten Worte der Anerkennung, die Generalleutnant von Kracht
dem Waffenruhme und der Tapferkeit der bayerischen Armee gewidmet hat,
werden in den weitesten Kreisen der Armee, ganz besonders unter den Teilnehmern
der glorreichen Kämpfe bei Orleans mit aufrichtiger Genugtuung
vernommen werden. Es ist zu bedauern, daß der Generalleutnant von Kracht
seine immerhin mißverständlichen Worte nicht vor ihrer Veröffentlichung
einer Nachprüfung unterziehen konnte. Die Loyalität, mit der er das Mißverständnis
nunmehr aufgeklärt hat, gereicht ihm zu hoher Ehre. Es darf
erwartet werden, daß nunmehr auch die beteiligten Kreise, nicht nur die
Feld zugteilnehmer, sich zufrieden geben und das offene und ehrliche Soldatenwort
eines alten und hochangesehenen Kriegskameraden respektieren
werden.“
Ebenso gibt der Vorsitzende des Preußenbundes eine öffentliche Erklärung
zu dem Fall ab und berichtigt gleichzeitig ein anderes Mißverständnis,
das durch Verlesung eines Briefes des Freiherrn von Pechmann,
München, entstanden war. Lepttterer hatte dagegen protestiert, daß der Satz:
„Ich bin Preuße nicht durch die Geburt, aber längst durch die freie Wahl
meines Herzens“ — als seine Aeußerung verlesen worden sei. Dr. Rocke
bestreitet ganz entschieden. diesen Satz als Originaläußerung und Willensmeinung
des Freiherrn von Pechmann verlesen zu haben, er habe ihn vielmehr
als „uns vom genannten Herrn übermitteltes Zitat eines Nichtpreußen“