Full text : Blätter für Rechtsawendung. LXII. Band. (62)

Oberstrichterliche  Entscheidungen.  191

überhaupt  oder  in  den  Kreisen  ihrer  Standesgenossen
zu  hindern.  Der  Berufungsrichter  bejaht  diese
Frage  mit  dem  Zusatze,  daß  Umstände  vorlägen,
welche  die  Betheiligten  vor  selbst  einem  geringen
Grad  socialer  Mißachtung  bewahren  mußten.
Als  solche  Umstände  hebt  das  Bernfungsgericht  hervor:
die  mit  dem  sträflichen  Umgang  in  Frage  verbundene
Absicht  einer  ehelichen  Verbindung  der  Betheiligten,
welche  von  den  obwaltenden  Vermögensverhältnissen  nahe
gelegt  war;  die  unwerschuldete  Unkenntnuiß  der  Beklagten
über  das  entgegenstehende  absolnte  Ehehinderniß,  sowie
die  Erwägung,  daß  das  Verbot  der  Ehe  zwischen  Stiefmutter
  und  Stiefsohn  nicht  sowohl  ein  natürliches  als
ein  constructives  Hinderniß  der  Ehe  bilde;  die  Erwägung,
daß  die  Versuchung,  welcher  die  Beklagte  unterlag,  nicht
so  sehr  von  ihr  gesucht  als  durch  die  bereits  bestandene
Familiengemeinschaft  der  Betheiligten  angeboten  war;
der  Umstand,  daß  die  Blutschande  zwischen  Stiefmutter
und  Stiefsohn  nur  ein  Vergehen  bilde,  für  welches  die
Aberkennung  der  bürgerlichen  Ehrenrechte  zwar  zugelassen,
aber  nicht  geboten  sei,  wie  solche  denn  auch  hier  unterblieb
  und  das  Vergehen  der  Beklagten  mit  einer  kurzen
Gefängnißstrafe  geahndet  sei;  der  Umstand  endlich,  daß,
weil  alle  diese  Verhältnisse  dem  Bekanntenkreise  der  Beklagten
  bekannt  waren,  ihr  von  diesen,  auch  dem  eigenen
Pfarrer,  keine  Mißachtung  ob  ihres  Wandels  widerfuhr,  eine
Mißachtung,  welche  von  keinem  der  vernommenen  Zeugen
bekundet  sei,  während  ein  mißbilligendes  Gerede  Einzelner
  über  das  nicht  gemeinkundige  Verhältniß  der  Beklagten
  unerheblich  sei.  Indessen  ist  die  thatsächlich  festgestellte
  Lage  die:  daß  das  für  bäuerliche  Kreise  sehr  beträchtliche
  Vermögen  des  Zuhälters  der  Beklagten  sich
schließlich  in  der  Hand  der  letzteren  befindet;  daß  dieser
Erfolg  es  war,  zu  welchem  verbotene  Wege  eingeschlagen
sind,  zunächst  blutschänderischer  Concubinat,  und  als  dieser
nicht  zum  Zwecke  führte,  der  Wiedereintritt  der  Beklagten