Oberstrichterliche Entscheidungen. 191
überhaupt oder in den Kreisen ihrer Standesgenossen
zu hindern. Der Berufungsrichter bejaht diese
Frage mit dem Zusatze, daß Umstände vorlägen,
welche die Betheiligten vor selbst einem geringen
Grad socialer Mißachtung bewahren mußten.
Als solche Umstände hebt das Bernfungsgericht hervor:
die mit dem sträflichen Umgang in Frage verbundene
Absicht einer ehelichen Verbindung der Betheiligten,
welche von den obwaltenden Vermögensverhältnissen nahe
gelegt war; die unwerschuldete Unkenntnuiß der Beklagten
über das entgegenstehende absolnte Ehehinderniß, sowie
die Erwägung, daß das Verbot der Ehe zwischen Stiefmutter
und Stiefsohn nicht sowohl ein natürliches als
ein constructives Hinderniß der Ehe bilde; die Erwägung,
daß die Versuchung, welcher die Beklagte unterlag, nicht
so sehr von ihr gesucht als durch die bereits bestandene
Familiengemeinschaft der Betheiligten angeboten war;
der Umstand, daß die Blutschande zwischen Stiefmutter
und Stiefsohn nur ein Vergehen bilde, für welches die
Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte zwar zugelassen,
aber nicht geboten sei, wie solche denn auch hier unterblieb
und das Vergehen der Beklagten mit einer kurzen
Gefängnißstrafe geahndet sei; der Umstand endlich, daß,
weil alle diese Verhältnisse dem Bekanntenkreise der Beklagten
bekannt waren, ihr von diesen, auch dem eigenen
Pfarrer, keine Mißachtung ob ihres Wandels widerfuhr, eine
Mißachtung, welche von keinem der vernommenen Zeugen
bekundet sei, während ein mißbilligendes Gerede Einzelner
über das nicht gemeinkundige Verhältniß der Beklagten
unerheblich sei. Indessen ist die thatsächlich festgestellte
Lage die: daß das für bäuerliche Kreise sehr beträchtliche
Vermögen des Zuhälters der Beklagten sich
schließlich in der Hand der letzteren befindet; daß dieser
Erfolg es war, zu welchem verbotene Wege eingeschlagen
sind, zunächst blutschänderischer Concubinat, und als dieser
nicht zum Zwecke führte, der Wiedereintritt der Beklagten