Full text : Deutschland als Kolonialmacht.

                                                                                                                                                             65

eine  rege  Bautätigkeit  ein,  zunächst  allerdings  fast  ausschließlich  von  seiten  des  Gouvernements,
  das  seine  Beamten  unterbringen  mußte.

     Man  hat  in  Deutschland  oft  gespottet  über  die  „Verordnungswut“  in  den  Kolonien.
Das  beruht  auf  Unkenntnis  der  Verhältnisse.  In  den  Kolonien  selbst  hört  man  zwar
auch  nicht  selten  derartige  Stimmen.  Aber  noch  viel  unzufriedener  pflegt  man  zu  sein,
„wenn  der  Willkür  der  Beamten  Tür  und  Tor  geöffnet  ist,  weil  es  an  gesetzlichen
Bestimmungen  fehlt“.  In  einem  Neulande  müssen  eben  zahllose  Verhältnisse  geregelt
werden,  die  uns  in  Europa  so  zur  zweiten  Natur  geworden  sind,  daß  wir  gar  nicht  mehr
an  die  zugrunde  liegenden  Bestimmungen  denken.  So  mußte  der  erste  Gouverneur
bald  von  seinem  Verordnungsrechte  Gebrauch  machen.  Zunächst  mußte  die  Gerichtsbarkeit
  über  die  Eingeborenen  und  die  Polizeibefugnis  der  Bezirkshauptleute  geregelt
werden.  Dann  wurde  versucht,  dem  Schutzgebiet  eigene  Einnahmen  zu  verschaffen
durch  eine  mäßige  Handels=  und  Schankgebühr  und  durch  eine  Verbrauchssteuer,
die  als  1½  proz.  Zuschlag  zu  den  Zöllen  erhoben  wurde.  Auch  das  Karawanenwesen
wurde  geregelt,  um  die  Eingeborenen  gegen  Räubereien  der  durchmarschierenden
Träger  zu  schützen;  sodann  wurde,  in  Ausführung  der  Brüsseler  Generalakte,  die
Einfuhr  von  Feuerwaffen  und  Munition  zum  Monopol  des  Gouvernements  gemacht.

     Die  Sodensche  Epoche  war  auch  an  kriegerischen  Unternehmungen  nicht  arm.
Emin  Pascha  war  noch  unter  dem  Reichskommissariate  nach  langem  Schwanken
in  deutsche  Dienste  getreten  und  mit  der  Anlage  von  Stationen  im  nördlichen  Seengebiete
  beauftragt  worden.  Ihm  beigegeben  wurden  die  Leutnants  Langheld  und
Dr.  Stuhlmann,  die  später  hin  zu  unseren  bedeutendsten  Afrikanern  gezählt  wurden.
Emin  hatte,  als  ihn  sein  Befreier  Stanley  nach  Bagamojo  gebracht  hatte,  offenbar
kein  Interesse  oder  keine  Lust  an  einem  Besuche  Europas,  sondern  kehrte,  nachdem  er
von  dem  Schädelbruche,  den  er  bei  einem  Sturz  aus  dem  Fenster  nach  seinem  Empfangsbankett
  erlitten  hatte,  genesen  war,  ins  Innere  zurück.  Leutnant  Langheld  mit
einem  Teil  seines  hundert  Mann  starken  Begleitkommandos  züchtigte  zusammen  mit
dem  Stationschef  von  Mpapwa,  Fihr.  v.  Bülow,  unterwegs  mehrere  aufsässige
Häuptlinge.  Entgegen  dem  Wunsche  des  Reichskommissars,  der  beabsichtigte,  bei  dem
mächtigen  Häuptling  Sikki  von  Unjanjembe  und  den  einflußreichen  Arabern  in  Tabora
eine  stärkere  Macht  zu  zeigen,  als  sie  dem  Pascha  zur  Verfügung  stand,  marschierte
dieser  doch  dorthin  und  hißte  die  deutsche  Flagge.  So  sah  sich  der  Leutnant  Sigl,
der  mit  dem  bei  seinem  Schwiegervater,  dem  Häuptliug  Mtinginja  von  Ussongo,
altangesessenen  Elfenbeinhändler  Stokes  heraufkam,  um  bei  diesem  eine  Station
anzulegen,  einer  vollendeten  Tatsache  gegenüber  und  übernahm  die  Station  Tabora.
Unter  sehr  schwierigen  Verhältnissen  mußte  er  hin  und  her  lavieren;  es  gelang  ihm
aber,  mit  großem  Geschick  sich  durchzuhalten.  Auch  in  Unjamwesi  mußte  Langheld,
ehe  er  dem  zum  Victoria-Njansa  voraufmarschierten  Pascha  folgen  konnte,  zusammen
mit  Sigl  einige  Häuptlinge  züchtigen.  Dann  übernahm  er  die  von  Emin  am  See
angelegten  Stationen  Bukoba  und  Muansa.  Stuhlmann  hatte  hier  ein  Lager  arabischer
Sklavenhändler  genommen,  wobei  ihm  viel  Elfenbein  in  die  Hände  gefallen  und
zahlreiche  Sklaven  befreit  worden  waren.  Emin  marschierte  dann  mit  Stuhlmann
über  die  deutschen  Grenzen  hinaus  nach  Nordwesten.  Er  wollte  Gravenreuth,  der  von
Kamerun  aus  dem  Tsadsee  zustrebte,  die  Hand  reichen.  Aber  Träger=  und  Nahrungsmangel,
  sowie  eine  Pockenepidemie  nötigten  ihn  zur  Umkehr.  Der  vorausgesandte
Stuhlmann  erreichte  die  Küste;  Emin  selbst  konnte  oder  wollte  nicht  folgen;  da  er  nur
Träger  erhielt,  die  bereit  waren,  nach  dem  Kongostaat  zu  gehen,  wandte  er  sich  dorthin,
wo  er  bekanntlich  ermordet  wurde  (Oktober  1892).

     Unterdes  waren  die  Wahähä  immer  mehr  eine  Plage  der  treu  zu  uns  haltenden
Wassagara  geworden.  Friedensschlüsse  hielten  sie  nicht,  sondern  überfielen  beständig
ihre  Nachbarn,  um  Menschen  und  Vieh  zu  rauben.  Zu  ihrer  Züchtigung  brach  im  Juni
1891  der  Kommandant  v.  Zelewski  mit  drei  Kompanien  und  drei  Geschützen  auf;
aber  am  16.  August  wurde  die  lang  auseindergezogene  Marschkolonne  bei  Lula-                                                                                                                                             5