Schreiben Bismarck's an Favre wegen des Geleitscheines. 65
interessante Stoff bewältigt. Erst bei der fünften Sitzung am
13. März erschien der Herzog von Broglie als Bevollmächtigter
Frankreichs und trat den Beschlüssen der anderen Mächte, welche
auf ein Eingehen in die Wünsche Rußlands hinausliefen, bei.
Den Tag nachdem Favre seine Circulardepesche abgesandt hatte,
am 13. Januar, schrieb er dem Grafen Bismarck und bat denselben,
den Geleitschein, welchen er, dem Schreiben Granville's zufolge,
für ihn als den Bevollmächtigten Frankreichs zur Londoner
Konferenz bereit habe, in der möglichst kürzesten Frist ihm zuzuschicken.
Darauf erwiderte Graf Bismarck am 16. Januar, Favre sei im
Irrthum, wenn er meine, daß auf den Antrag der englischen Regierung
ein Geleitschein für ihn parat liege. Denn er würde auf
amtliche Verhandlungen nicht haben eingehen können, welchen die
Voraussetzung zu Grunde liege, daß die Regierung der nationalen
Vertheidigung völkerrechtlich in der Lage sei, im Namen Frankreichs
zu handeln, so lange sie nicht mindestens von der französischen Nation
selbst anerkannt sei. Wenn Favre bei dem Kommando des Belagerungsheeres,
das nicht den Beruf gehabt hätte, seine politische
Stellung und den Zweck seiner Reise in Berücksichtigung zu ziehen,
um die Erlaubniß nachgesucht hätte, die deutschen Linien passiren
zu dürfen, so hätte er sie wohl bekommen, ohne daß dadurch ein
Präjudiz geschaffen worden wäre. Dieser Weg sei jetzt durch sein
amtlich an ihn gerichtetes Gesuch, zumal mit Rücksicht auf den Inhalt
seiner Cirkulardepesche vom 12. Januar, abgeschnitten. Er
überlasse es Favre, zu erwägen, ob sich ein anderer Weg finden
lasse, auf welchem die angeführten Bedenken beseitigt und jedes aus
Favre's Anwesenheit in London fließende Präjudiz vermieden werden
könnte. „Aber auch wenn ein solcher Weg gefunden werden
sollte, erlaube ich mir doch die Frage, ob es rathsam ist, daß Sie
Mris und Ihren Posten als Mitglied der dortigen Regierung jetzt
verlassen, um persönlich an einer Konferenz über das Schwarze
Meer theilzunehmen, in einem Augenblick, wo in Paris Interessen
auf dem Spiele stehen, welche für Frankreich und Deutschland wichtiger
sind als der Artikel XI. des Vertrages von 1856. Auch würden
Sie in Paris die diplomatischen Agenten und die Angehörigen
der neutralen Staaten dort zurücklassen, welche dort geblieben oder
vielmehr zurückgehalten sind, nachdem sie längst die Erlaubniß zum
Passiren der deutschen Linien erhalten hatten, und welche daher um
Müller, 1871. 5