Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

Bedingungen  Frankreichs  für  Anerkennung  Italiens.  Tod  Cavours.  Loftus'  Vorschlag.  257

*225.  Bericht  an  Minister  v.  Schleinitz.
[Ausfertigung.]  14./2.  Juni  1861.

In  betreff  der  von  mir  telegraphisch  gemeldeten  Nachricht  von  der  bevorstehenden
Anerkennung  des  italienischen  Königreichs  durch  die  französische  Regierung  habe  ich  in
Erfahrumg  gebracht,  daß  letztere  diese  Anerkenmung  in  jüngster  Zeit  von  zwei  Bedingungen
abhängig  gemacht  habe.  Die  erste  derselben  sollte  dem  Papste  das  patrimonium  Petri
gewährleisten,  ohne  daß  ich  angeben  könnte,  welche  Landschaften  man  beabsichtigt  unter  dieser
Bezeichnung  zu  begreifen,  mutmaßlich  nur  die  von  den  piemontesischen  Truppen  bisher  nicht
besetzten.  Die  zweite  Bedingung  verlangte  die  Aufrechterhaltung  des  von  dem  römischen
Stuhl  erhobenen  Protestes  bezüglich  des  ganzen  übrigen  rechtmäßigen  Besitzes  des  Kirchenstaats.
  Danach  würde  die  französische  Anerkennung  der  piemontesischen  Okkupation  aller
päpstlichen  Provinzen  den  Charakter  eines  Provisoriums  gelassen  haben,  und  soll  diese
Bedingung  in  Turin  mehr  Schwierigkeiten  als  die  erste  gefunden  haben.  Herr  von
Tolstoy  vermutet  nun,  daß  der  Kaiser  Napoleon  dieses  zweite  Verlangen  nach  dem  Tode
Cavours  habe  fallen  fassen,  während  von  der  französischen  Botschaft  die  Meinung  verbreitet
wird,  daß  die  letzten  Beschlüsse  des  Kaisers  vor  dem  Tode  Cavours  gefaßt  worden  seien.
Das  Telegramm,  um  welches  es  sich  handelt,  ist  am  7.  c.,  also  einen  Tag  nach  dem  Tode
Cavours  hier  eingetroffen.

Der  Herzog  von  Montebello  räumt  mir  gegenüber  bisher  nicht  ein,  Gewißheit  in
betreff  der  Anerkennung  erhalten  zu  haben.  Doch  gibt  er  zu,  daß  der  Tod  des  Grafen
Cavour  auf  die  Beschleunigung  dieses  Schrittes  hinwirken  werde,  weil  ohne  denselben  die
sardinisch-italienische  Regierung  zumächst  die  ihr  notwendigen  Anleihen  nicht  verwirklichen
könne,  und  fernerhin  die  Lage  Italiens  in  eine  Unsicherheit  geraten  werde,  deren  weitere
Entwicklung  für  alle  Nachbarländer,  auch  Frankreich,  bedenklich  werden  könne.

Soweit  ich  von  dem  Inhalte  des  der  französischen  Botschaft  zugegangenen  Telegramms
Kenntnis  habe,  wird  in  demselben  das  lebhafte  Andringen  Lord  Cowleys  als  nächstes
Motiv  einer  schnelleren  Entschließung  des  Kabinettes  der  Tuilerien  in  der  Anerkennungsfrage
  bezeichnet.

226.  Bericht  an  Minister  v.  Schleinitz.

[Ausfertigung.]
14./2.  Juni  1861.

Mit  E.  E.  h.  Erlasse  vom  7.  d.  M.  habe  ich  die  Nachricht  von  den  Verhandlungen
bezüglich  der  holsteinschen  Angelegenheit  erhalten,  welche  neuerdings  durch  Lord  A.  Loftus
angeregt  worden  sind¹)  Das  dänische  Zirkular  vom  22.  März  ist  seinerzeit  dem  hiesigen
Kabinette  ebenfalls  mitgeteilt.  Der  Passus  desselben  in  betreff  der  Verzichtleistung  auf
Beiträge  Holsteins,  an  welchen  die  Bestrebungen  des  Lord  A.  Loftus  sich  anschließen,  hat
hier  nicht  den  Eindrurk  eines  ernstlich  gemeinten  Vorschlages  gemacht,  und  der  Baron
Osten-Sacken,  der  einzige  im  Ministerium,  welcher  mit  der  holsteinschen  Sache  bekannt  ist,

1)  Am  1.  Juni  regte  der  großbritannische  Gesandte  am  Berliner  Hofe,  Lord  A.  Loftus,  in  einem
Besuche  bei  dem  Minister  v.  Schleinitz  die  Frage  an,  ob  nicht  in  der  Zirkulardepesche  des  Ministers  Hall
vom  22.  März  ein  Anhalt  für  die  Lösung  der  bestehenden  Schwierigkeiten  zu  finden  wäre.  Schleinitz  ver-


handelte  mit  London  darüber  und  kam  zu  dem  Ergebnis,  daß  einstweilen  nur  eine  provisorische  Regelung  der
Verhältnisse  möglich  sei.

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