Full text : Die Hohenzollern und ihr Werk.

140  *  Das  Jahrhundert  der  Reformation.

Näher  war  die  Gefahr  einer  Verwicklung  in  die  großen  Welthändel,  die
mit  einem  anderen  Anspruch  des  Hauses  Brandenburg  verbunden  war.  Der
jüngere  Bruder  Johann  Sigismunds,  der  15jährige  Johann  Georg,  der  gleichfalls
  nach  Straßburg  gegangen  und  in  dem  evangelischen  Domstift,  das  dort  seit
langer  Zeit  dem  katholischen  gegenüber  stand,  eine  Domherrustelle  erlangt  hatte,
wurde  1592  zum  Administrator  des  Stiftes  gewählt,  während  das  katholische
Domkapitel  zehn  Tage  später  den  mit  Truppenmacht  im  Elsaß  erschienenen
Kardinal  von  Lothringen,  Bischof  Karl  von  Metz  aus  dem  Hause  Guise,  zum
Bischof  von  Straßburg  wählte.  Auch  hier  war  Georg  Friedrich  von  Ansbach
eigentlich  die  treibende  Kraft,  während  Johann  Georg  nicht  ohne  schwere  Besorgnisse
  in  die  Unternehmung  gewilligt  hatte,  die  zwar  dem  Enkel  eine  gute
Versorgung  bringen,  aber  doch  auch  leicht  zu  gefährlichen  Verwicklungen  führen
konnte.  Wäre  der  Torgauer  Bund  noch  in  voller  Kraft  gewesen,  so  hätte  sich
hier  eine  Gelegenheit  zum  Eingreifen  geboten,  wie  sie  nicht  besser  zu  wünschen
gewesen  wäre;  denn  der  Gegner  des  brandenburgischen  Anspruches  auf  Straßburg
war  ein  hervorragendes  Glied  der  spanisch-ligistischen  Partei,  gegen  die  Heinrich
von  Bourbon  kämpfte  und  die  damals  als  der  gefährlichste  Gegner  des  Protestantismus
  in  der  Welt  erschien.  Aber  die  Torgauer  Union  war  im  Zerfall  begriffen,
  und  andererseits  stand  auch  die  Liga  in  Frankreich  selbst  in  zu  schwieriger
Lage  da,  um  sich  hier  in  Straßburg  in  weitere  Kämpfe  einzulassen.  So  kam  es
schon  1593  zu  einem  Waffenstillstand  zwischen  beiden  Parteien  auf  Grund  des  damaligen
  Besitzstandes  im  Straßburger  Stift.  Um  seine  Enkel  vor  der  Gefahr  zu
behüten,  durch  diese  Verwicklungen  um  Jülich  und  Straßburg  ins  calvinistische
Lager  geführt  zu  werden,  ließ  Johann  Georg  sie  damals  einen  Revers  unterzeichnen,
  durch  den  sie  sich  verpflichten  mußten,  an  der  reinen  lutherischen  Lehre,
wie  sie  die  Konkordienformel  gefaßt  hatte,  festzuhalten.  Er  sah  darin  gewissermaßen
  eine  Versicherung  gegen  den  gefährlichen  Anschluß  an  die  Politik  der
westeuropäischen  Calvinisten.

Auch  in  der  magdeburgischen  Frage  hat  er  den  Standpunkt  friedfertiger
Selbstverleugnung  gegenüber  der  katholischen  Mehrheit  im  Reiche  nicht  verlassen.
Als  auf  dem  Reichstage  zu  Regensburg  im  Jahre  1594  der  Kanzler  Dr.  Meckbach
  als  Vertreter  Joachim  Friedrichs  seinen  Sitz  im  Fürstenrat  einzunehmen
sich  anschickte,  protestierte  der  Erzbischof  von  Salzburg,  indem  er  alle  Katholiken
aufforderte,  den  Sitzungssaal  zu  verlassen;  und  auch  diesmal  wieder  fügte  sich
Kurfürst  Johann  Georg,  im  Hinblick  auf  die  Türkengefahr,  um  die  Zerreißung
des  Reichstags  zu  verhüten,  und  bestimmte  den  Kanzler,  auf  die  Session  zu
verzichten.

Der  Streit  um  die  Nachfolge  in  Jülich  begann  schon  bald  nach  dem
Regierungsantritt  des  geisteskranken  Herzogs  Johann  Wilhelm  (1592)  auch  die
brandenburgische  Politik  in  Bewegung  zu  setzen.  Es  handelte  sich  nicht  bloß  um
den  Gegensatz  zu  Spanien  und  der  katholischen  Partei,  sondern  auch  um  den
Mitbewerb  anderer  dentscher  Fürstenhäuser.  Das  jülichsche  Haus  hatte  durch
ein  mehrfach  bestätigtes  Privilegium  das  Recht  der  weiblichen  Erbfolge  erhalten,
  und  daraufhin  war  bei  der  Verheiratung  Marie  Eleonorens  nach  Preußen
ihren  Nachkommen  die  Erbfolge  in  Jülich  zugesichert  worden.  Das  Privilegium
von  1546  sprach  aber  nur  von  Söhnen  der  Erbtochter,  während  aus  der  Ehe
Marie  Eleonorens  mit  dem  prenßischen  Herzog  nur  Töchter  entsprossen  waren,