Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. 47
und das Jesuitengesetz als offenen Rechtsbruch bezeichnet hat. Und geschieht
dies bei einer solchen Gelegenheit, so behaupte ich, daß der Redner nicht von
diesem kleinen Anlaß, der in der beregten Gesetzesverletzung liegt, geleitet
wird, sondern daß er jede Gelegenheit benutzt, um systematisch die Regierung
und die Gesetze zu verunglimpfen. Windthorst-Meppen: Wenn der Abg.
Lasker gesagt hat, daß Hr. v. Mallinckrodt zum Aufruhr aufgefordert habe,
so habe ich davon nichts gehört und bin auch nicht aufgerührt worden.
Der Abg. v. Mallinckrodt hat einfach die Wahrheit gesagt. Hätte ich auch
nicht die hohe Verehrung vor Sr. Heiligkeit, die ich habe, ja selbst wenn ich
außerhalb der katholischen Kirche stände, würde ich mich freuen, daß es einen
Mann gibt, der in der Lage ist, Hoch und Niedrig, ohne Ansehen der Person
und Stellung, von Zeit zu Zeit die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. Und
wenn Ihnen das auch nicht gefällt, der Papst, der so oft todt gesagt worden,
lebt und wird noch lange leben, und das Papstthum, dessen Ende Sie schon
lange vorausgesagt haben, wird viele Männer und Institutionen überdauern,
die jetzt glorifizirt werden. Meine Herren von der liberalen Partei, heute
sind Sie am Ruder (Widerspruch und Heiterkeit links). Schon glaubten
Sie sich den Fürsten Bismarck entrückt, da sollte erst sein leerer Sessel, dann
sein Geist und zuletzt er selbst weiter regieren, um Sie zu beruhigen. Aber
Fürst Bismarck ist ein so hochbedeutender Staatsmann, daß er in jeder Corporation,
der er angehört, regieren wird, selbst wenn ihm es belieben sollte, den
Ministersessel mit dem Portiersessel zu vertauschen, um zu beobachten, ob
Contrebande ins Ministerium geschmuggelt wird. Und Sie stehen ja dem
Fürsten so nahe, daß Ihre Hoffnung, nächstens einen aus Ihrer Mitte zu
seinem Specialcollegen erhoben zu sehen, sich noch täglich erfüllen kann.
(Heiterkeit). Aber denken Sie daran, Ihr Regiment könnte aufhören, es
könnte, wie Sie sagen, in reactionäre Hände kommen, oder richtiger, es könnte
der erste Versuch mit gesunden Zuständen gemacht werden, glauben Sie, daß
man, Ihrer jetzigen Rücksichtslosigkeit gedenkend, dann rücksichtsvoll gegen
Sie wäre: Löwe-Calbe: Die Debatte hat den eigentlichen Gegenstand der
Interpellation ganz vergessen. Nun muß ich aber doch constatiren, daß
dieser Fall wie kaum ein anderer geeignet ist, die vorläufige Beschlagnahme
als einen Rest der Censur zu characterisiren. Wir dürfen diese Erfahrung
nicht ungenützt lassen, wenn wir das Reichspreßgesetz machen. Ich unterschätze
die Macht der katholischen Kirche, von welcher der Vorredner gesprochen
hat, durchaus nicht und ich bin überzeugt, daß sie in dem Kampfe, der jetzt
entbrannt ist, den Sieg davon tragen wird, wenn der Staat Spuren von
Ermüdung zeigt. Er würde dann wie 1837 das caudinische Joch der Demüthigung
auf sich nehmen müssen; aber ich gebe mich der Hoffnung hin,
daß die Ermüdung einerseits und der romantische Schwindel andererseits,
welche damals der Regierung die Niederlage eintrugen, in unserem jetzigen
Ministerium nicht mehr einheimisch seien.
11. Jan. (Deutsches Reich.) Die Absteckung der neuen deutsch-fran-
zösischen Gränzen ist vollendet und soll bis Mai einer endgültigen
Revision unterzogen werden. Die neue Gränze richtet sich größtentheils
nach den Gemarkungen der Gemeinden, so daß diese nur bei zwei
Gemeinden durchschnitten werden.
12. „ (Preußen.) Der Minister für Landwirthschaft v. Selchow, der
sich in der Kreisordnungsdebatte unmöglich gemacht hat, wird entlassen
und durch den bisherigen Oberpräsidenten von Schlesien, Grafen
Königsmarck, ersetzt.
14. " (Preußen.) Abg.-Haus: Erste Berathung des Gesetzesentwurfs