Full text : Leopold von Ranke's sämmtliche Werke. 29. Band. Zwölf Bücher Preußischer Geschichte. (29)

Rüchzug  aus  Böhmen.  125

Erst  als  es  Tag  wurde,  konnte  der  König  das  Lager,  das  er
angreifen  wollte,  näher  in  Augenschein  nehmen.  Es  breitete  sich  auf
den  vor  ihm  liegenden  Anhöhen,  beinahe  drei  Stunden  Wegs,  wie  in
einem  Halbkreis  aus.  Den  linken  Flügel  bildeten  die  Sachsen,  die
erst  hier  vollständig  eingerückt  waren,  unter  dem  Herzog  von  Weißenfels,
  über  20000  M.  stark,  den  rechten  und  das  Centrum  die  Oesterreicher,
  die  jetzt  bei  50000  M.  zählten.  Vor  der  Front  des  Lagers
hatten  sie  ein  morastiges  Thal  und  darin  einen  Bach,  dessen  Uebergänge
  von  den  auf  der  Anhöhe  aufgepflanzten  Geschwindstücken  beherrscht
  wurden  1).  Da  es  schien,  als  ob  der  König  zuerst  die  Sachsen
  auf  ihrem  Flügel  aufsuchen  würde,  verstärkten  die  Oesterreicher
denselben  mit  ihrer  Cavallerie,  aber  überdies  war  auch  die  sächsische
Stellung  durch  Thalgründe  und  Waldstrecken  auf  das  Trefflichste  gedeckt.
  Dagegen  hatten  die  Preußen  da,  wo  sie  standen,  nicht  Platz
genug,  sich  zu  einem  umfassenden  Angriff  aufzustellen;  sie  hätten  dazu
Unebenheiten  der  Landschaft,  welche  Friedrich  als  Abgründe  bezeichnet,
passiren  müssen.  Nachdem  Friedrich  durch  die  zuweilen  entgegengesetzten
  Bewegungen  seiner  Truppen  den  ganzen  Morgen  über  in
fortwährender  Spannung  gehalten,  entschloß  er  sich  endlich  gegen
Mittag,  den  Rückzug  anzutreten,  den  er  mit  großer  Geschwindigkeit
vollzog.

Auffallend  nur,  daß  ihn  die  Oesterreicher  weder  in  der  wenig
gesicherten  Stellung,  die  er  am  Morgen  inne  hatte,  noch  bei  seinem
Rückzug  ernstlich  angriffen.  An  Muth  und  Ehrgeiz  fehlte  es  ihnen
nicht.  Wie  oft  hatten  sie  sich  gerühmt,  daß  ihnen,  nach  der  besseren
Uebung,  die  sie  erlangt,  auch  der  König  von  Preußen  keinen  Widerstand
  werde  leisten  können.  Die  jüngeren  Generale  drangen  in  den
Prinzen  Carl,  da  der  König  sich  nicht  zum  Angriff  anschicke,  ihn  anzugreifen,
  was  die  ganze  Sache  mit  einem  Schlage  beendigen  werde,
und  nicht  ohne  Eindruck  blieben  ihre  Vorstellungen  auf  den  Prinzen.
Allein  in  dem  Lager  war  noch  ein  anderer  Mann,  den  man  um
Rath  fragen  mußte,  jener  Graf  Traun,  den  Friedrich  selbst  als  seinen
Lehrmeister  in  der  Kriegskunst  bezeichnet  hat.  Traun  hatte  seine

1)  Relation  de  ma  campagne,  18.  Dec.  1744  nach  Frankreich  geschickt.
L’ennemi  étoit  posté  sur  une  montagne  dui  faisoit  comme  un  demicercle
dont  la  gauche  tournoit  vers  notre  droito  et  leur  droite  étoit  entierement
  éloignée  de  nous  dans  la  valléo  au  pied  de  la  momtagne.  Diese
Relation  verdiente  ganz  bekannt  zu  werden.  Das  Verhältniß  derselben  auf
der  einen  Seite  zu  den  öffentlich  bekannt  gemachten  Berichten,  auf  der  andern
zu  den  ölteren  und  den  umgearbeiteten  Memoiren,  ist  sehr  merkwürdig.