Nahrungsmittel. 123
Die Reinheit und Trockenheit der Höhenluft haben wir bereits hervorgehoben;
daß sie dem ermüdeten, Erfrischung bedürftigen Menschen Herrliches
bietet, weiß jeder, der Bergluft einmal geatmet und Berge nicht nur
aus der Ferne gesehen hat. Es kommen jedoch die Luftdrucksverhältnisse in
Betracht, welche auf der Höhe andere sind als in der Tiefe und die Herzund
Lungentätigkeit wesentlich beeinflussen. Die Höhenluft ist dünner als die
Tiefenluft, — sie ist auch kälter. Alle diese Umstände haben zur Folge, daß
die Ausdünstung des Wasserdampfes durch die Atmungsschleimhänte wesentlich
erleichtert wird (ein zur Gesunderhaltung der Lungen wichtiger Umstand),
und daß Schwächeschweiße, wie sie bei Schwindsüchtigen selten fehlen, sich
dann vermindern. Die ungeheure Transsudation (Wasserabgabe) der Respirationsschleimhaut
schützt diese vor dem Eindringen der Staubteile und der
Bakterien (nach Dr. Karl Lewin), sollte also nie unterbrochen werden. Daher
findet so mancher Lungenkranke in der Höhenlust wieder Heilung, indem die
durch ungünstige Einflüsse unterdrückte Wasserabgabe seiner Atmungsschleimhaut
sich wieder einstellt.
Der große Feuchtigkeitsgehalt der Seeluft, der auf verschiedene Kranke
nicht günstig einwirken würde und welcher die Luft nur noch dichter und
schwerer macht, also gerade die Wasserabgabe der Schleimhäute dadurch erschwert,
wird durch ihren Gehalt an Kochsalz ausgeglichen, auch ist sie kälter
als Landluft. Die in der Luft schwebenden Salzteilchen ziehen das Wasser
an sich; außerdem scheinen auch die eingeatmeten Salzteilchen einen anregenden
Einfluß auf die Schleimhäute im allgemeinen auszuüben. Der Appetit
wird lebhafter, die Kräfte heben sich; damit nimmt auch die Durchblutung
der Lunge zu, sowie ihre Wasserabgabe. Das Salz also und die niedrige
Temperatur der Seeluft machen sie der Höhenluft einigermaßen ähnlich.
Trotzdem vertragen viele Menschen, die sich in mächtiger Höhenluft sehr wohl
fühlen, die Seeluft nicht. Es wirken wohl noch andere Unterschiede mit.
An Reinheit steht die Seeluft der Höhenluft nicht nach, weil sie in
weitester Ansdehnung von Wohnstätten und Zerfallstoffen frei ist; dagegen
fehlen ihr jene Duftstoffe, welche eine reiche Pflanzenwelt um sich verbreitet
und die von so hohem Werte sind. Der eigentümliche „Wassergeruch“, der
schon weit vom Strande beginnt, ist überall derselbe und eigentlich sehr eintönig.
Das „Zehrende“ und „Kräftigende" der Seeluft, das so oft gerühmt
wird, liegt teils in der Frische und Reinheit, teils im Salsgehalte der Seeluft.
Gerade ihr eigentümlicher „Wassergeruch“ ist aber reizvoll und für jene,
die aus trockener, staubiger und lauer Luft kommen, höchst genußvoll.
Die Wüstenluft ist die trockenste Luft; nicht nur die Winde reißen
Feuchtigkeitsansammlungen mit sich, auch die Entstehung derselben ist äußerst
gering, weil es fast keine Pflanzenwelt in der Wüste und in dem Sande
gibt. Diese dem Gesunden mitunter zur Qual werdende Trockenheit kann
dem Schwindsüchtigen aber sehr nützlich werden, weil sie die Wasser-