Volltext : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

135]  Die  Crefelder  Seidenindustrie  und  die  Krifis.  135

Centrum  mit  ihren  mehr  von  der  Mode  als  vom  Rohstoffe  abhängigen
Geweben  bleiben  relativ  beschäftigt.  Die  Versuche,  die  Produkte  der  äußeren
Zone  während  der  Nothzeit  im  Centrum  einzubürgern,  mißlangen
z.  B.  im  Jahre  1867  vollständig;  die  Löhne  waren  nicht  hoch  genug  und
die  Stadtweber  befürchteten  mit  Recht  eine  dauernde  Erniedrigung  ihres
Lohnniveau's.  Bei  einer  Steigerung  der  Rohseidenpreise  tritt  der  Vortheil
ein,  daß  die  Händler  eine  gewisse  Bereitwilligkeit  an  den  Tag  legen,  auch
höhere  Preise  für  die  Waaren  zu  zahlen,  und  daß  die  kleineren  Konkurrenten
fast  außer  Stande  find,  fortzuarbeiten  und  die  Löhne  zu  drücken.  Anderseits
  vermögen  nunmehr  auch  die  größeren  Firmen  nicht  auf  Lager  arbeiten
zu  lassen,  weil  selbst  die  gedrücktesten  Löhne  durch  die  Steigerung  des  Rohstoffpreises
  ausgeglichen  werden  würden.  Daher  bei  solchen  Krisen  nur  ein
mäßiges  Sinken  des  Lohnniveau's,  aber  ein  Entstehen  von  Arbeitslofigkeit
in  der  mittleren  Zone  der  Seidenstoffe  und  Seidensammete.

Eine  andere  Art  von  Katastrophen  haben  wir  hereinbrechen  sehen  in
Folge  übermächtiger  ausländischer  Konkurrenz.  Dies  hat  zunächst  die
Wirkung,  daß  die  Fabrikanten  sich  konkurrenzfähig  zu  erhalten  suchen  durch
das  Drücken  des  Lohnniveau's  in  der  entsprechenden  Zone;  gelingt  das  nicht
auf  die  Dauer,  so  muß  dieser  Artikel  in  entferntere  Gegenden  hinausrücken
oder  mechanisch  hergestellt  werden.  Jedenfalls  muß  die  Fabrikation  des
fraglichen  Artikels  ihren  Standort  ändern  und  billigere  Arbeitsbedingungen
aufsuchen;  das  Raisonnement  der  Kaufleute,  daß  die  Arbeiter  durch  ihre
maßlosen  Ansprüche  die  Konkurrenzfähigkeit  der  Industrie  bedrohen,  ist  in
diesem  Falle  völlig  unberechtigt.

Dem  durch  Steigen  der  Rohseidenpreise  und  durch  ausländische  Konkurrenz
  hervorgerufenen  Lohnfinken  ist  unmittelbar  kein  Steigen  voraufgegangen;
  es  find  dies  beides  von  außen  herantretende  Kalamitäten,  auf
welche  die  inländische  Industrie  keinen  direkten  Einfluß  übt.  Anders,
wenn  bei  allgemein  steigendem  Begehr  und  günstiger  Mode  die  Fabrikanten
eine  Bewegung  in  Scene  setzen,  welche  sich  sehr  bald  als  üÜbertrieben  erweist.
  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  bei  zunehmender  Nachfrage  die
Kaufleute  das  Recht  und  die  Pflicht  haben,  ihre  Betriebe  auszudehnen,
und  es  ist  ein  volkswirthschaftliches  Verdienst  und  eine  lobenswerthe  Energie,
wenn  sie  durch  persönliche  Bemühungen  und  höhere  Lohnangebote  die  Arbeiter
  aus  minder  gewinnbringenden  Erwerbezweigen  zur  Serdenindustrie
hinüberführen.  Jedoch  sind  die  Mittel  nicht  immer  die  reinsten,  die  Einsicht
  in  die  Bedürfnisse  des  Weltmarkts  keineswegs  eine  ausreichende  und
der  Beweggrund  für  die  Ausdehnung  der  Industrie  nicht  das  Streben,
einer  dauernden  Nachfrage  zu  entsprechen,  sondern  den  durch  momentan  gestiegene
  Waarenpreise  entstehenden  Gewinn,  sei  es  auch  auf  Kosten  einer
späteren  Zerrüttung  von  Tausenden  aus  ihren  alten  Beschäftigungen  herausgerissenen
  Existenzen  zu  realisiren.  Mit  Recht  erhebt  sich  der  Vorwurf,
daß  die  wirthschaftliche  Moral  und  Intelligenz  der  Crefelder  Kaufmannschaft
  noch  manches  zu  wünschen  übrig  läßt.  Dazu  gesellt  sich  die  Hast,
mit  welcher  sie  später  das  verwerflichste  Mittel,  das  Lohnwerfen,  anwendet
und  zu  dem  Drucke  der  Konjunktur,  welche  theils  die  Arbeit  ganz  entzieht,
theils  nur  die  mindest  gelohnte  zuläßt,  noch  den  Druck  seitens  derjenigen
Männer  fügt,  denen  als  volkswirthschaftliches  Amt  die  Leitung  der  Pro-