Full text : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

Die  Verschiebung  der  Lage  im  Westen,  Englands  Annäherung
an  Frankreich  und  die  Erfolge  der  Delcasséschen  Politik  in  Spanien
  und  Italien,  gaben  der  deutschen  Politik  begründeten  Anlaß,
den  alten  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  dem  östlichen
  Nachbar  erhöhte  Aufmerksamkeit  zuzuwenden.  Diesem
Bestreben  kam  das  dringende  Bedürfnis  der  russischen  Machthaber
entgegen,  sich  den  Rücken  in  Europa  für  den  drohenden  Konflikt  im
fernen  Osten  frei  zu  halten.  Am  hellsten  wurde  der  Grund,  warum
sich  damals  die  russischen  Machthaber  zur  Selbstbescheidung  im
europäischen  Orient  angetrieben  fühlten,  in  einer  Erklärung  des
Fürsten  Uchtomski,  eines  Freundes  des  Zaren  und  Vorkämpfers
der  großasiatischen  Politik,  beleuchtet.  Darin  hieß  es:  „Man  könnte
die  Lösung  unserer  historischen  Aufgabe,  die  Einnahme  Konstantinopels,
  beschleunigen,  das  früher  oder  später  eine  russische  Stadt
sein  muß.  Aber  sie  wird  uns  nicht  entgehen,  wenn  unsere  Diplomatie
  in  der  Zukunft  nicht  etwa  kolossale  Irrtümer  begehen  wird.
Weit  wichtiger  ist  der  Brand,  den  die  Japaner  in  unserem  fernen
Osten  entzünden  wollen.  Es  wäre  falsch,  uns  ihre  kriegerische
Stimmung  mit  vorübergehenden  chauvinistischen  Wallungen  zu  erklären.
  Das  an  und  für  sich  wenig  bedeutende  Japan,  das  im
vollen  Sinne  des  Wortes  um  seine  Existenz  kämpft,  fängt  unerwartet
  an,  eine  große  Bedeutung  in  der  Eigenschaft  eines  Gärpilzes
  zu  gewinnen,  der  das  bisher  indolente  China  mit  einer  ihm
fremden  Leidenschaftlichkeit  ansteckt.  Solange  ein  Brand  noch  im
Entstehen  ist,  ist  es  leicht,  ihn  zu  löschen,  und  man  muß  es  tun,
selbst  wenn  man  mit  gigantischem  Tritt  den  jungen  hadersüchtigen
Staat  zertreten  muß.“

Ganz  im  Sinne  dieser  Auslassung  war  das  offizielle  Rußland
in  der  Zeit  bis  zum  Ausbruche  des  japanischen  Krieges  bestrebt,
mit  Hilfe  der  beiden  Mittelmächte,  Österreich-Ungarn  und  Deutschland,
  keinen  Brand  im  nahen  Orient  aufkommen  zu  lassen.  Bei
dem  Besuche  des  Zaren  in  Wien  und  in  den  Mürzsteger  Konferenzen
  der  auswärtigen  Minister  Grafen  Lamsdorff  und  Goluchowski
  (Oktober  1903)  war  eine  wirksamere  Überwachung  der
Reformen  in  Mazedonien,  wo  bulgarische  Banden  wieder  einen
Kleinkrieg  erregt  hatten,  beschlossen  worden.  Deutschland  gab  der
hohen  Pforte  den  dringenden  Rat,  ihre  bisherige  Verschleppungs-120