Metadata : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

Der  Ausmarsch.  219

„Mut  gefaßt“,  sagt  er,  „das  ist  alles  nicht  so  schlimm.  Wenn  du  ein
rechtschaffener  Kerl  bist,  Steffens,  so  wirst  du  bald  nicht  mehr  nach  Hause
wollen.  Des  Königs  Rock  ist  ein  Ehrenkleid;  mußt  stolz  und  dreist  ausschauen,
wenn  du  es  trägst.“

Der  Feldwebel  läßt  ihn  die  eine  Hand  auf  die  Fahne  legen,  die  andre
zum  Schwur  erheben.  Er  muß  die  Worte  nachsprechen,  die  der  Leutnant  allen
Rekruten  vorsagt.  Nach  dem  abgeleisteten  Eid  der  Treue,  den  Abertausende
vor  ihm  geschworen,  den  Tausende  mit  ihrem  Blute  besiegelt  haben,  soll  der
Soldat  dem  Landesherrn  treu,  hold  und  gehorsam  sein,  ihm  dienen  zu  Wasser
und  zu  Lande,  wo  es  immer  sei,  und  sich  betragen,  „wie  es  einem  pflicht=  und
ehrliebenden  Kriegsmanne  ziemt  und  gebühret,  so  wahr  ihm  Gott  helfe  durch
Jesum  Christum  zur  ewigen  Seligkeit.  Amen.“

Der  Rekrut  ist  eingekleidet;  das  Regiment  ist  jetzt  seine  Familie,  die
Stelle  des  ernsten  Vaters  vertritt  der  Hauptmann,  der  Feldwebel  trägt
die  Muttersorgen.  Die  Zeit  beginnt,  wo  man  den  ungeschickten  Sohn  des  Dörflers
zum  schmucken  Soldaten  macht  und  ihn  das  Waffenhandwerk  lehrt,  damit  er
dereinst  mit  rechtem  stolzen  Selbstbewußtsein  seinem  Vaterlande  diene.  Vor
allem  hat  er  zu  lernen,  was  es  heißt,  sich  unterordnen.  Doch  die  Subordination
ist  kein  blinder  Gehorsam,  denn  der  Soldat  soll  nicht  zur  Maschine  werden,
er  muß  vielmehr  auch  selbst  denken  und  handeln  können,  wo  sich's  gehört  und
wo  man  dies  von  ihm  fordert.

Der  unbedingte  militärische  Gehorsam  ist  die  Fügung  des  eignen  Willens
unter  den  des  Vorgesetzten;  er  ist  die  Vorschule  zur  höchsten  Tugend  des  Soldaten
  wie  jedes  Menschen  —  der  Selbstüberwindung.  Die  Soldatenzucht
bringt  Regel  und  Ordnung  in  die  Masse  und  in  das  Leben  des  einzelnen,
und  nur  der,  welcher  gehorchen  gelernt  hat,  kann  später  auch  befehlen.


Die  Zeit  der  Prüfung,  zu  zeigen,  was  der  junge  Kriegsmann  gelernt  hat,
naht  plötzlich  heran.  Der  König  hat  gerufen,  und  die  Truppe  steht  bereit,  den
Willen  des  Kriegsherrn  zu  vollziehen;  das  Vaterland  schaut  erwartungsvoll
auf,  ob  sie  Ehre  dem  preußischen,  dem  deutschen  Namen  machen  wird,  ob  sie
ihre  Fahne  hochhält  in  der  Schlacht  und  Manneszucht  bewahrt  im  Lande  des
Feindes,  gegen  wehrlose  Bürger.

Es  wird  lebendig  in  der  kleinen  Garnisonstadt  der  Mark.  Bei  unsern
Voreltern  flog  der  Pfeil  von  Gau  zu  Gau,  wenn  der  Rat  der  Alten  die  mannbare
  Jugend  zum  Kampfe  entbot;  auch  heute  ist  es  kein  Heer  von  Söldnern,
das  zum  Kampfe  ausrückt;  der  Kriegsruf  dringt  in  das  Herz  der  Gemeinde,
und  aus  der  Werkstatt,  vom  häuslichen  Herde,  aus  den  Armen  der  Seinen  eilt
der  Reservemann  zur  Fahne,  um  die  Reihen  der  Krieger  zu  verstärken.

Begleiten  wir  noch  eine  Zeitlang  den  unter  die  Fahne  gerufenen  jungen
Menschen,  dessen  Herz  schon  bei  den  ersten  Aussichten  auf  Krieg  hoch  und
freudig  aufwallt,  nicht  bedenkend,  was  der  Krieg  für  Jammer  und  Elend
bringen  wird,  vielleicht  auch  für  ihn  —  begleiten  wir  denselben  durch  die  verschiedenen,
  schnell  wechselnden  Lagen,  in  welche  der  Krieg  ihn  bringt.