Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1883. (24)

102  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  30.)

30.  Juni.  (Preußen.)  Herrenhaus:  lehnt  die  Kanalvorlage
der  Regierung,  Dortmund-Unterems,  mit  70  gegen  65  Stimmen  ab
und  genehmigt  dagegen  einen  Antrag  des  (schlesischen)  Fürsten  Hatzfeldt,
  die  Regierung  um  baldige  Vorlegung  des  Planes  eines  die
Monarchie  von  Osten  nach  Westen  durchziehenden  Kanalnetzes  zu
ersuchen,  für  welche  die  Mittel  durch  eine  Anleihe  zu  beschaffen  seien.

Die  Abstimmung  erfolgt  ganz  unabhängig  von  politischen  oder  wirtschafts-politischen
  Rücksichten.  Die  Majorität  besteht  fast  ausschließlich  aus
Großgrundbesitzern.  Geschlossen  gegen  die  Kanalvorlage  stimmen  die  Großgrundbesitzer
  aus  Schlesien  und  Posen.  diesen  reiht  sich  die  Mehrzahl  der
Großgrundbesihzer  aus  Brandenburg,  Pommern  und  Sachsen  an.  Die  Entscheidung
  lag  wie  in  der  Kommission  in  der  Hand  der  Vertreter  der  von
diesem  Kanal  nicht  beührten  hannoverschen  und  sächsischen  Städte,  die  mit
wenigen  Ausnahmen  dagegen  stimmen.

Dem  Beschluß  wird  eine  große  Tragweite  zugeschrieben,  da  der  Ministerialdirektor
  Dr.  Schulh  vor  der  Abstimmung  erklärt  hatte,  daß  durch  eine
Ablehnung  der  Bau  von  Schiffahrtskanälen  in  Preußen  auf  unabsehbare
Zeit  vertagt  würde.  Die  Regierung  trat  zwar  in  der  Debatte  für  ihre  Vorlage
  ziemlich  lebhaft  ein;  indes  will  man  wissen,  daß  der  Reichskanzler  zwar
für  sie  aber  doch  nur  lau  gewesen  und  Minister  Maybach  sich  nur  schwer
zu  ihr  entschlossen  habe  und  einem  großen  Kanalnetz  entschieden  wiederstrebe,
weil  er  davon  eine  Beeinträchtigung  der  Eisenbahnrente  fürchte.  Daß  die
Regierung  die  Vorlage  in  der  nächsten  Session  doch  wieder  einbringe,  wird
allgemein  stark  bewelfelt  doch  tröstet  man  sich  damit,  daß  die  diesmalige
Ablehnung  die  Lösung  des  Probleme  nicht  verhindert,  sondern  böchstens  bis
zur  Vollendung  der  Eisenbahn-Verstaatlichung,  die  in  nicht  sehr  weiter  Ferne
stehe,  hinausgeschoben  haben  dürfte.  Wenn  es  sich  dann  um  ein  großes
Kanalnetz  vom  Rhein  nach  der  Unterems,  aber  auch  vom  Rhein  nach  der
mittleren  Weser  und  Elbe  mit  einer  Fortselung  von  Berlin  nach  den  schlesischen
  Montanbezirken  handeln  sollte,  so  würde  sich  Hr.  Stumm,  der  Referent
der  Herrenhauskommission,  der  große  Eisenindustrielle  und  darum  Gegner
aller  Kanalprojekte,  doch  in  hoffnungsloser  Isoliertheit  wiederfinden.  Inwischen
  erregt  die  Ablehnung  des  Kanalprojekts  Dortmund-Unterems  in  den
westlichen  Provinzen  fast  eine  Art  von  Bestürzung:  dasselbe  wäre  in  der
Hauptsache  der  rheinisch-westphälischen  Montanindustrie  Zu  gut  gekommen
und  man  meint,  daß  durch  jene  das  weitans  größte  Kohlenrevier  des  europäischen
  Kontinents  schwer  geschädigt  worden  sei.

30.  Juni.  (Lübeck.)  Bei  den  Bürgerschaftswahlen  gehen
sämtliche  42  Kandidaten  des  „Vaterstädtischen  Vereins“  als  Sieger
über  diejenigen  der  Fortschrittspartei  hervor.  Man  hofft,  daß,  durch
diesen  Sieg  gestärkt,  die  gemäßigten  Elemente  auch  bei  den  nächsten
Reichstagswahlen  den  ihnen  entrissenen  Sitz  zurückerobern  werden.

—  Juni.  (Deutsches  Reich.)  Wie  man  wissen  will,  soll
die  Festung  Küstrin  zu  einem  Waffenplatz  ersten  Ranges  umgewandelt
  und  zu  diesem  Behufe  mit  sechs  großen  Forts,  die  je  sechs
Kilometer  von  den  alten  Festungsmauern  entfernt  liegen,  umgeben
werden;  zwei  dieser  Fortisikationen  sind  bereits  im  Bau  begriffen.