Full text : Unser Kaiser.

70  Unser  Kalser.

nur  auf  Ihre  und  meiner  übrigen  berufenen  Ratgeber  drin—
gende  Vorstellung  durchgerungen,  daß  es  nur  allein  auf
diesem  Wege  möglich  sei,  unserem  Volke  günstigere  Waffenstillstandsbedingungen
  zu  verschaffen  und  ihm  einen  blutigen
Bürgerkrieg  zu  ersparen.  Das  Opfer  ist  umsonst  gewesen.
Nach  wie  vor  wollen  die  Feinde  für  die  angebliche  Schuld
des  „Kaiserlichen  Deutschlands“  das  deutsche  Volk  büßen
lassen.“

So  wurde  der  Kaiser  buchstäblich  vom  Throne  heruntergelogen.
  Er  war  verraten.  Verraten  freilich  nicht  vor
seinem  Volke,  denn  bei  einer  Volksabstimmung  hätte  sich
ohne  Zweifel  die  überwältigende  Mehrheit  des  deutschen
Volkes  auf  die  Seite  seines  Kaisers  gestellt.  Aber  was
fragen  Parlamentsparteien  nach  dem  Willen  des  Volkesl
Verraten  war  er  von  den  Mehrheitsparteien  des  Reichstages,
  der  Sozialdemokratie  im  Bunde  mit  dem  gentrum
und  den  Demokraten,  von  denselben  Männern,  die  am
4.  August  1014  ihm  feierlich  in  die  Hand  gelobt  hatten,
„daß  sie  fest  entschlossen  seien,  ohne  Parteiunterschiede,  ohne
Standes=  und  Konfessionsunterschiede  mit  ihm  zusammenzuhalten
  durch  dick  und  dünn,  durch  Not  und  Tod“.  Er
entschloß  sich  zur  Abdankung  als  Deutscher  Kaiser  —  keineswegs
  als  König  von  Preußen  —  und  fuhr  nach  dieser  dunkeln
Nachtgeschichte  am  nächsten  Morgen  um  =  Uhr  nach  Holland.

Hätte  er's  doch  nicht  getan!  so  sagen  wir  heute  alle.  Und
wenn  er  auch  bei  dem  Versuch,  sein  Kaiserreich  zu  behaupten,
gefallen  wäre  —  warum  nicht?  Millionen  seines  Volkes  sind
im  Kampfe  gefallen,  und  nach  seiner  eigenen  tapfern  Art
hätte  er  selbst  einen  ehrlichen  Soldatentod  bei  weitem  vor-