Full text : Was jedermann von der Schuldfrage wissen muß! Schuld am Kriege? 60 Selbstzeugnisse der Entente

sandtenberichte,  die  von  diesem  Zeitpunkt  an  für  die Vorgeschichte
  des  Weltkrieges  wichtig  werden.  Die  bosnische  Krise  von
1908  und  1909  ging  vorüber,  ohne  daß  es  zu  einem  Kriege  kam,
für  den  namentlich  Rußland  noch  nicht  gerüstet  war.  Aber  die
Ereignisse  jener  Jahre  nahmen  genau  diejenigen  von  1914  vorweg,
  nur  daß  sich  Petersburg  damals  noch  gezwungen  sah,  Belgrad
auf  einen  späteren  Zeitpunkt  zu  vertrösten,  an  dem  der  serbischösterreichische
  Gegensatz  ausgetragen  werden  würde.  Der  serbische
Sonderbeauftragte  in  Petersburg,  Kosutitsch,  telegraphierte
am  3.  März  1909  an  das  Ministerium  des  Äußern  in  Belgrad:

Gutschkoff  erklärte  mir:  ist  unsere  Rüstung  einmal

vollkommen  durchgeführt,  dann  werden  wir  uns  mit

Österreich-  Ungarn  auseinandersetzen.  Beginnt  jetzt

keinen  Krieg,  denn  es  wäre  Euer  Selbstmord,  verschweigt

  Eure  Absichten  und  bereitet  Euch  vor,  es  werden
  die  Tage  Eurer  Freuden  kommen.  (Deutschland
schuldig?  Deutsches  Weißbuch  über  die  Verantwortlichkeit  der

Urheber  des  Krieges.  Herausgegeben  mit  Genehmigung  des  Auswärtigen

  Amtes,  Seite  112.)

Während  des  Balkankrieges  wiederholten  sich  von  Rußland  aus
die  Vertröstungen  und  Mahnungen  an  Serbien.  Ristitsch,  der
serbische  Gesandte  in  Bukarest,  berichtete  am  26.  November  1912
nach  Belgrad  von  Äußerungen,  die  nicht  nur  der  russische  Gesandte,
  sondern  bezeichnenderweise  auch  der  französische  Gesandte
„als  Freunde  Serbiens“  getan  hatten:

Es  sei  besser,  sagten  sie  mir,  abzuwarten,  daß
Serbien,  welches  mindestens  zweimal  so  groß  werden
würde,  als  es  bisher  war,  sich  kräftige  und  sammele,
um  möglichst  vorbereitet  die  gewichtigen  Ereignisse  zu
erwarten,  die  unter  den  Großmächten  eintreten  müssen.
(Deutschland  schuldig?  Seite  125.

Wie  dies  zu  verstehen  war,  geht  unmißverständlich  aus  einem
Gespräche  hervor,  das  Popowitsch,  der  serbische  Gesandte  in
Petersburg,  mit  Sasonoff,  dem  russischen  Außenminister,  gehabt
hatte  und  das  er  am  12.  Mai  1913  nach  Belgrad  weitergab:

Sasonoff  sagte  mir,  daß  wir  für  die  künftige  Zeit
arbeiten  müssen,  alsdann  würden  wir  viel  Land  von

Österreich-Ungarn  bekommen.  (Deutschland  schuldig?  S.  127.)

Nicht  nur  Rußland,  auch  Serbien  mußte  für  den  ungeheuren
Krieg  „fertig“  sein,  den  man  plante.  Grey  wie  Sasonoff,  England

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