Nahrungsmittel. 75
Vorgang auch als Einleitung der Fäulnis beobachtet wird, künstlich aber in
der Industrie ausgebreitete Verwendung findet (Wein-, Biergärung u. a.).
Sicher ist es, daß die durch den Gärungsprozeß gelockerten Mehlspeisen
sowohl weniger Kauarbeit erfordern, als auch den Verdauungssäften leichter
zugänglich werden; aber sie haben auch ihre Nachteile. Nicht nur wird der
natürliche Geschmack mitunter durch die Gärung nachteilig verändert, sondern
die lockeren weichen Massen im Munde verleiten auch zu lässigerem Kauen,
entwöhnen die Zähne strammer Arbeitsleistung und führen dazu, daß ungenügend
eingespeichelte Bissen, rasch hinuntergeschluckt, zu Klumpen sich
zusammenballen und nur sehr langsam verdaut werden. Oft tritt dieser
Zustand nach dem Genuß von frischem Gebäck ein, weshalb dieses, sei es
Brot oder Kuchen, auch den Ruf der Schädlichkeit hat. Es kann heftiges
Magendrücken und Stuhlbeschwerden erregen. Ein sorgfältiges Durchkauen
roher, harter oder ohne Hefezusatz gebackener Mehlgerichte muß daher als
empfehlenswerter gelten und würde eine bessere Ausnützung der aufgenommenen
Nahrung sichern.
Es wird behauptet, und zwar vornehmlich in wissenschaftlichen Kreisen,
daß der Mensch nicht die Fähigkeit habe, rohe Stärke in Zucker umzuwandeln,
obwohl Naturvölker doch sehr viel „Rohes“ genießen und sichtlich
besser dabei gedeihen als die verfeinerten, widerstandsunfähigen Kulturvölker.
Verfasserin hat während ihrer Studienzeit den gleichen Beweis an sich selbst
erbracht, und es ist erwiesen, daß vielen Gleiches gelungen ist.
Die Notwendigkeit der Veränderung der Stärke durch Kochen und
Backen usw. ist somit nicht erwiesen. Ließe man sich mehr durch Justinkt
und individuellen Geschmack als durch Herkommen und alte Gewohnheiten
leiten, so würde man in der Wahl der Nahrungsmittel sorgfältiger sein und
nur solche gebrauchen, die dem einzelnen je nach seinem Kräftezustand auch
wirklich bekommen. Es ist z. B. ganz verkehrt, die Hülsenfrüchte allen
anderen Körnern vorzuziehen, sie ihres Eiweißgehaltes wegen übermäßig zu
rühmen und dabei die schwere Zugänglichkeit dieses Eiweißes ganz zu übersehen,
während andere Körner wohl weniger eiweißreich, aber ihrer leichteren
Verdaulichkeit wegen viel nutzbringender sind. Grüne Erbsen und Bohnen
enthalten statt des Mehles mehr Zucker, sind zart, wasserreich und sehr
schmackhaft; sie können an Nährwert die reifen Hülsenfrüchte nicht ersetzen,
sind aber für nicht körperlich arbeitende Menschen bei weitem vorzuziehen.
Auch sind die Mehle aller hülsenlosen Körner selbstverständlich leichter zu
verdauen als die ganzen Körner, auch in durchgekochtem Zustande. Unreife
Maiskörner sind roh und abgekocht sehr schmackhaft und nährend, Grünkorn
ist leichter löslich als reife Weizen= und Gerstenkörner u. a. m.
Wenn man bei Bereitung von Teigen die künstliche Gärung vermeiden
will, kann man sich auch durch die natürliche helfen, indem man die durch
Mehl und Wasser und andere Zusäte entstandene Masse 12 oder 24 Stunden