Full text : Europäischer Geschichtskalender. Erster Jahrgang. 1860. (1)

März.  29

27.  März.  Der  König  von  Sardinien  entbindet  durch  eine  Proklamation  die
Völker  von  Savoyen  und  Nizza  des  Eides  der  Treue.  Es  sei  ihm
peinlich,  sich  von  diesen  alten  Gebieten  trennen  zu  müssen,  aber  er
habe  nicht  umhin  können,  dem  Wunsche  des  Kaisers  der  Franzosen
zu  entsprechen.  Frankreich  habe  Italien  unermeßliche  Dienste  geleistet
und  es  ziehe  ja  Alles  diese  Provinzen  zu  Frankreich  hin,  der  Handel,
die  Nationalität,  die  Sprache,  die  Sitten.  Dennoch  solle  ihnen  diese
Aenderung  nicht  aufgedrängt  werden,  sie  sollten  frei  abstimmen,  das
sei  sein  wie  des  Kaisers  Wille  und  damit  diese  Abstimmung  ja  frei
sei,  berufe  er  verschiedene,  nicht  dem  Lande  angehörige  Beamte  ab  und
ersetze  sie  durch  Savoyarden“.

—  Der  Senator  Laity  wird  in  besonderer  Mission  von  Paris  nach
Savoyen  geschickt;  Pietri  nach  Nizza.

29.  Der  französische  Senat  geht  mit  116  gegen  16  Stimmen  über
42  Petitienen  zu  Gunsten  der  weltlichen  Macht  des  päbstlichen  Stuhles
zur  Tagesordnung  über,  obwohl  sich  die  Kardinäle  und  Erzbischöfe,
die  im  Senat  sitzen,  eifrig  für  die  Petitionen  verwenden.

30.  Mißlungener  Freischaarenzug  einiger  Genfer  gegen  Thonon  und
Evian.  Die  Schweiz  desavcuirt  das  Unternehmen  und  der  Bundesrath
  legt  Truppen  nach  Genf.

31.  General  Lamoriciere  inspizirt  die  in  Ancona  versammelten  päbstlichen
  Truppen.  Es  wird  mit  ihm  wegen  Uebernahme  des  Oberbefehls
unterhandelt.

Anhang  zum  März.
Die  diplomatischen  Unterhandlungen  wegen  Savoyen  und  Rizza.

1.  Juli  1859.  Depesche  des  englischen  Gesandten  in  der  Schweiz  an
Lord  Russell:

„Der  schweizerische  Bundespräsident  ersucht  mich,  J.  M.
dringend  vorzustellen,  von  welcher  lebenswichtigen  Bedeutung  es  für  die
Sicherheit  und  Unabhängigkeit  der  Schweiz  sei,  daß  Saveyen  und  vornehmlich
  Ober-Savoyen  niemals  in  Frankreich  einverleibt  werde;
daß  wenn  dies  statt  fände,  die  Flanke  der  Schweiz  fortwährend
offen  wäre  und  Genf  wahrscheinlich  bald  nachfolgen
würde.  Die  Schweiz  wünsche  nicht,  daß  die  englische  Regierung  vorläufig
  Schritte  in  dieser  Angelegenheit  thue,  aber  wofern  diese  Frage
später  besprochen  würde,  möge  sie  obiger  Mittheilung  eingedenk  sein
und  der  Schweiz  in  der  Stunde  der  Noth  ein  eben  so  getreuer  Freund
als  bisher  bleiben.“

4.  Depesche  des  englischen  Gesandten  in  Paris  an  Lord  Russell:

„Er  habe  Walewsky  über  die  französischen  Absichten  auf  Savoyen
befragt  und  dieser  habe  keine  übermäßig  befriedigende  Erklärung
  abgegeben.  Walewsky  wisse  nicht,  ob  zwischen  seinem  Kaiser
und  Sardinien  ein  Abkommen  bestehe  und  könne  nur  sagen,  daß  der
Kaiser  die  Idee  gehabt  habe:  es  müsse  Frankreich  eine  Gebietsentschädigung
  erhalten,  wofern  Sardinien  ein  großes  Königreich  werden
sollte.“

5.  Depesche  Russells  an  den  englischen  Gesandten  in  Paris:
„Die  englische  Regierung  vernehme  mit  außerordentlichem  Be=