Full text : Europäischer Geschichtskalender. Erster Jahrgang. 1860. (1)

März.  31

und  einen  Theil  des  Genevois  bis  an  das  Flüßchen  les  Usses  umfassen“.


Eine  bestimmte  Zusage  wurde  in  dieser  Audienz  weder  vom  schweizerischen
  Gesandten  verlangt  noch  vom  Kaiser  gegeben;  dagegen  ward
von  diesem  die  Geneigtheit  ausgesprochen,  eventuell  den  von  der  Schweiz
gegebenen  Aufschlüssen  und  den  daran  geknüpften  Propositionen  alle
Aufmerksamkeit  zu  widmen.

3.  Febr.  Depesche  des  englischen  Gesandten  in  Turin  an  Lord  Russell:

Er  habe  mit  Cavour  gesprochen.  Dieser  habe  sich  über  die  Anschlußgerüchte
  verwundert  ausgedrückt;  er  wisse  nichts  von  ihrem
Ursprung  und  erstaune  über  den  Meinungswechsel  vieler  Leute  in  Savoyen,
  die  vor  dem  Krieg  einer  Einverleibung  in  Frankreich  das  Wort
redeten  und  jetzt  dagegen  auftreten.  Graf  Cavour  habe  hinzugefügt:
Sardinien  „habe  nicht  im  Entferntesten  die  Absicht,  Savoyen  abzutreten,
  umzutauschen  oder  zu  verkaufen“.

4.  Schriftliche  Antwort  Thouvenels  an  den  englischen  Gesandten  in
Paris,  betreffend  Savoyen:

„Es  ist  wahr,  daß  unter  den  möglichen  Arrangements,  die  von  der
französischen  und  sardinischen  Regierung  zu  jener  Zeit,  als  sie  sich  allem
Anschein  nach  in  einem  gemeinschaftlichen  Krieg  gegen  Oesterreich  Seite
an  Seite  erblickten,  erörtert  worden  waren,    sich  auch  unter  gewissen
Eventualltäten  die  Abtretung  von  Savoyen  und  Nizza  an
Frankreich  befand.  Diese  Eventualitäten  waren  beim  Friedensschluß
nicht  eingetreten.  Derselbe  ließ  die  Gebietsvertheilung  Italiens,  mit
Ausnahme  der  Lombardei,  in  unverändertem  Zustande.  Es  sollten  die
verschiedenen  Staaten  eine  Conföderation  von  rein  defensivem    Charakter
  bilden.  Die  französische  Regierung  wünscht  nichts  sehnlicher,
  als  daß  dieser  Plan realisirt  werde  und  es  gäbe  dann
keine  Veranlassung,  die  Frage  irgend  welcher  Gebietsabtretung  an
Frankreich  anzuregen.  Aber  die  Sachlage  hat  sich  vollständig  verändert
und  die  englische  Regierung  hat  selber  Vorschläge  gemacht,  die
zu  einem  von  den  folgenden  zwei  Ergebnissen  führen  müssen.  Entweder
  spricht  sich  die  Bevölkerung  in  den  Staaten  Mittelitaliens  zu
Gunsten  eines  Centralkönigthums  aus  oder  sie  besteht  auf  ihrer  Einverleibung
  in  Sardinien.  Im  erstern  Fall  würde  Frankreich,  weil
diese  Lösung  dem  Charakter  des  in  Zürich  getroffenen  Uebereinkommens
entspräche,  es  nicht  für  nothwendig  erachten,  für  die  unmittelbare
Sicherheit  der  französischen  Gränze  zu  sorgen.  Dagegen  könnte  die
französische  Regierung  nicht  in  die  Bildung  eines  über  10  Millionen
Seelen  haltenden  südeuropäischen  Königreichs  willigen,  ohne  für  die  zukünftige
  Sicherheit  Frankreichs  Vorsichtsmaßregeln  zu  ergreifen.  Dagegen
  hat  Frankreich  nicht  die  Absicht,  diejenigen  Bürgschaften
zu  verletzen,  die  Europa  als  nothwendig  für  seine  eigene
Sicherheit  erachtet  hat.  Durch  die  Einverleibung  Savoyens  in
Frankreich  würden  daher  die  betreffs  der  Neutralität  von  Chablais  und
Faucigny  bestehenden  Verpflichtungen  nicht  gebrochen  werden;  ja  so
weit  Frankreich  hierin  eine  Ansicht  aussprechen  kann,  wäre  es  besser
wenn  diese  Distriktebleibend  mit  der  Schweiz  verbunden
würden“.

6.  Depesche  Russells  an  den  englischen  Gesandten  in  Turin:  

„Wenn  Sie  mit  dem  Grafen  Cavour  sprechen,  sollten  Sie  ihm  kein
Hehl  daraus  machen,  daß  es  nach  der  Ansicht  der  englischen  Regierung
ein  Flecken  im  Schilde  des  Hauses  Savoyen  wäre,  wollte  der  König
von  Sardinien  die  Wiege  seines  alten  und  erlauchten  Hauses  an  Frankreich
  abtreten.  Wollen  Sie  ihn  ferner  darauf  aufmerksam  machen,  daß
wenn  Sardiniens  militärische  Stellung  Angesichts  der  im