Full text : Europäischer Geschichtskalender. Erster Jahrgang. 1860. (1)

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März.

Besitze  Oesterreichs  befindlichen  Festungen  am  Mincio  und  der  Etsch
eine  schwache  ist,  diese  Schwäche  keineswegs  dadurch  gehoben  wird,  wenn
die  Großmacht  Frankreich  an  der  andern  Landesgränze  die  Alpenpässe
zu  eigen  bekommt,  wodurch  sie  im  Fall  einer  feindseligen  Erörterung
mit  der  sardinischen  Regierung  über  einen  leichten  Zugang  nach  Italien
zu  gebieten  hätte“.

6. Febr.  Der  französische  Minister  des  Auswärtigen  macht  dem  schweizerischen
  Gesandten  in  Paris  die  gleichen  Eröffnungen,  die  er  am  4.  Febr.
dem  englischen  Gesandten  ertheilt  hatte,  und  fügt  bei:

„Sollte  Savoyen  wirklich  mit  Frankreich  vereinigt  werden,  so  liege
es  nicht  von  ferne  in  der  Absicht  des  Kaisers,  die  neutrale  Stellung
der  Schweiz  zu  gefährden  oder  zu  schwächen;  dagegen  theile  derselbe
ganz  die  vom  schweizerischen  Gesandten  entwickelte  Ansicht,
  daß  in  solchem  Fall  die  Fortdauer  des  Systems  der
Neutralisation  weder  der  Schweiz  noch  Frankreich  zusagen
  könnte.  Der  Kaiser  hat  mich  daher  beauftragt,  Ihnen  zu
sagen,  daß  er  aus  Sympathie  für  die  Schweiz,  für  die  er
immer  ein  besonderes  Interesse  hegt,  sich  ein  Vergnügen  daraus  machen
würde,  der  Schweiz  als  ihr  eigenes  Gebict,  als  einen  Bestandtheil
  der  schweizerischen  Eidgenossenschaft  die  Provinzen
  Chablais  und  Faucigny  zu  überlassen“.

Dieselbe  Erklärung  macht  am  gleichen  Tage  der  französische  Geschäftsträger
  in  Bern  dem  Bundespräsidenten  und  am  7.  Febr.  der
französische  Consul  in  Genf  dem  Präsidenten  des  dortigen  Staatsrathes.


13. Depesche  Russells  an  den  englischen  Gesandten  in  Paris:

„Da  der  Kaiser  bezüglich  Savoyens  und  Nizzas  nach  den  Zusicherungen
  seiner  Minister  nichts  unternehmen  will,  ohne  die  Großmächte
zu  consultiren  und  nicht  daran  denkt  dem  König  von  Sardinien
  oder  den  Savoyarden  Gewalt  anzuthun,  so  mag  einstweilen
diese  Korrespondenz  abgebrochen  werdené".

Eine  Note  der  französischen  Regierung  an  die  sardinische
  spricht  es  endlich  offen  aus,  „daß  wenn  Sardinien  sich  einen
größern  oder  geringern  Theil  von  Mittelitalien  einverleiben  würde,  sich
für  Frankreich  der  Besitz  Savoyens  als  eine  geographische  Nothwendigkeit
  zur  Sicherung  der  franz.  Gränzen  herausstellen  müßte"  (s.  Febr.).
1. März.  Dasselbe  kündigt  der  Kaiser  Napoleon  in  seiner  Thronrede
bei  Eröffnung  der  Kammern  an.

2. Sardinien  ertheilt  an  Frankreich  seine  vorläufige  Zustimmung

zur  Abtretung  von  Savoyen  und  Nizza  (siehe  die  Hauptstelle  der  be=.

    

treffenden  Note  unter  März).

9. Da  die  Bemühungen  der  Schweiz  in  Paris  und  Turin,  statt
der  blos  mündlichen  Versprechungen  bestimmte  schriftliche  Zusicherungen
zu  erhalten,  ohne  Erfolg  sind,  so  verlangt  die  Schweiz  durch  gleichlautende
  Noten  von  Frankreich  sowohl  als  von  Sardinien  „daß  eine
allfällige  Abtretung  der  neutralisirten  Provinzen  Savoyens  unter  ihrer,
als  eines  Hauptpaciscenten,  Mitwirkung  erfolgen  müsse  und  ohne  ihr
Einverständniß  nicht  geschehen  dürfe,  wenn  überhaupt  der  jetzige  Zustand
  unhaltbar  geworden  sein  sollte"“.

9. u. 10. Proklamationen  der  sardinischen  Gouverneure  Iin  Chambery  und
Anecy,  durch  die  den  Savoyarden  angekündigt  wird,  daß  sie  demnächst
  berufen  sein  werden,  über  das  künftige  Schicksal  ihres  Landes  zu
entscheiden.  Dabei  wird  aber  die  Sache  so  hingestellt,  als  ob  lediglich
zwischen  Frankreich  und  Piemont  zu  wählen  und  jede  andere
Stimmgebung  ausgeschlossen  sei.  Der  Schweiz  und  ihrer  Ansprüche
  wird  mit  keinem  Worte  gedacht.