Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  10.—11.)  141

zu  stande  kommen  und  die  schwerwiegenden  Bedenken  in  der  Kommission  ihre
Lösung  finden  werden.  Hasenclever  (S.)  befürchtet,  daß  durch  den  Entwurf
der  Branntwein  nicht  nur  verteuert,  sondern  auch  verschlechtert  werden  dürfte.
Es  handle  sich  hier  um  den  Kampf  zwischen  dem  mobilen  und  immobilen
Kapital,  und  die  Kosten  dieses  Kampfes  solle  die  arme  Bevölkerung  tragen.
Grad  (E.)  ist  für  die  Vorlage,  wünscht  aber,  daß  die  Regierung  die  elsaßlothringischen
  Brennereien,  die  durchweg  kleinerer  Natur  seien,  gegen  die
Konkurrenz  der  größeren  besser  schützen  möchte.  Witte  (df.)  ist  gegen  das  Gesetz,
  durch  welches  den  Kartoffelbrennern  eine  ganz  außerordentliche  Subvention
zugewendet  werde,  trotzdem  daß  die  Lage  derselben  (wie  Redner  statistisch
nachweist)  seit  den  letzten  acht  Jahren  sich  fortwährend  gebessert  habe.  Er
bitte  um  Ablehnung  der  Vorlage.  Es  sei  überhaupt  fraglich,  ob  eine  Amendierung
  derselben  im  Sinne  seiner  Partei  möglich  sei.

Abg.  v.  Wedell-Malchow  (dk.)  erklärt,  daß  er  und  seine  politischen
Freunde  im  Großen  und  Ganzen  auf  dem  Boden  der  Vorlage  stehen;  er
hofft  daß  sich  die  Bedenken  gegen  einzelne  Bestimmungen  in  der  Kommission
beseitigen  lassen  und  empfiehlt  zur  Einführung  des  neuen  Systems  die  Zeit
zwischen  Juni  und  September.

Richter  (df.)  meint,  daß  man  über  die  Erhöhung  der  Getreidezölle  sich
augenblicklich  ausschweige,  um  erst  das  vorliegende  Gesetz  in  Sicherheit  zu
bringen.  Die  veranschlagte  Reineinnahme  von  96  Millionen  werde,  wenn  die
süddeutschen  Brenner  in  die  Brennereigemeinschaft  eintreten,  auf  150  Millionen
  steigen.  Die  gegenwärtige  Produktion  sei  um  1  Million  Hektoliter  zu
gering  bemessen.  Der  schlechte  Stand  des  preußischen  Etats  beruhe  hauptsächlich
  auf  den  Matrikularbeiträgen;  sobald  letztere  fortfallen,  schwinde  das
Defizit  von  30  Millionen  aus  dem  Etat,  der  verbleibende  Fehlbetrag  von
10  Millionen  spiele  in  einem  Milliardenetat  keine  Rolle.  Er  sei  ein  entschiedener
  Gegner  des  Ueberschußsystems.  Seine  Partei  würde  zur  Frage
der  Branntweinbesteuerung  ganz  anders  stehen,  wenn  die  Regierung  mit  einer
schärferen  Heranziehung  des  Branntweins  eine  Ermäßigung  der  Steuern  auf
unentbehrliche  Lebensmittel  verbunden  und  dadurch  eine  Entlastung  der  ärmeren
  Klassen  herbeigeführt  haben  würde.  Redner  behauptet,  durch  den
vorliegenden  Gesetzentwurf  werde  nicht  eine  nationale  Einheit,  sondern  eine
nationale  Streitfrage  geschaffen.  Nur  durch  völlige  Ausgleichung  der  Steuersätze
  und  durch  Ausdehnung  der  Steuergemeinschaft  auch  auf  Bier  werde  sich
eine  wirtschaftliche  Einheit  schaffen  lassen.  Redner  unterwirft  die  Maischraumsteuer
  einer  eingehenden  Kritik,  tadelt  die  weitere  Ausdehnung  des  Systems
  der  Exportprämie  und  bemängelt  sodann  die  Unterscheidung  zwischen
landwirtschaftlichen  und  gewerblichen  Brennereien;  dieselbe  schädige  die  kleineren
  Brennereien  und  damit  den  gesamten  Bauernstand,  und  bezwecke  nur
ein  Privilegium  für  den  Großgrundbesitz  auf  Kosten  des  Bauernstandes.  Die
Entschädigung  für  die  Brenner  halte  er  für  völlig  ungerechtfertigt  und  ungerecht,
  gegen  andere  Interessengruppen  sei  man  weniger  rücksichtsvoll  gewesen.
  Der  kleine  Besitzer  erhalte  keine  Spur  von  Entschädigung,  sondern
allein  der  Besitzer  von  Gutsbrennereien.  Wenn  dieses  System  versteckter  Entschädigung
  nach  verschiedenen  Richtungen  fortgesetzt  werde,  würde  es  sich  empfehlen,
  wie  gegen  die  Polen  auch  gegen  die  Agrarier  Ausnahmsgesetze  zu
schaffen.  Die  im  Gesetz  vorgesehene  dreijährige  Revision  werde  das  Brennereigewerbe
  zu  einem  Lotteriespiel  machen,  worin  alle  drei  Jahre  große  Ziehung
stattfinde.

Finanzminister  v.  Scholz  glaubt,  in  der  Rede  Richters  eine  beredte
  Verteidigung  der  Vorlage  sehen  zu  dürfen.  Was  die  von  dem  Vorredner
  vorgetragenen  Zahlen  angehe,  so  könne  er  denselben  nicht  zustimmen.
Richter  habe  eine  zu  rosige  Anschauung  von  der  Finanzlage  des  Reiches,