Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Erehjbritannien.  (September  22.  —Oktober  18.)  303

22.  September.  Die  „Agence  Havas“  meldet,  daß  die  Königin
Viktoria  die  erbetene  Vermittelung  zwischen  Italien  und
Abessynien  angenommen  habe.

Ende  September.  (Indien.)  Der  Nizam  von  Heiderabad
richtet  an  den  Vizekönig  von  Indien  einen  Brief  des  Inhalts:

„Er  habe  seit  geraumer  Zeit  bemerkt,  daß  die  Einkünfte  Indiens  wenig
  Zunahme  bekunden,  während  die  Ausgaben  stetig  im  Wachsen  seien,
und  er  habe  ermittelt,  daß  letztere  Thatsache  lediglich  den  großen  Summen
zuzuschreiben  sei,  die  der  besseren  Verteidigung  der  indischen  Grenze,  welche
durch  das  aggressive  Vordringen  Rußlands  in  Mittelasien  notwendig  gemacht
  werde,  gewidmet  werden."“  Der  Herrscher  von  Heiderabad  drückt  alsdann
  die  Ueberzeugung  aus,  daß  ganz  Indien  von  diesen  Maßnahmen  für
eine  Sicherheit  gegen  einen  Angriff  von  außen  Vorteil  ziehe  und  darum
ühle  er  „als  der  älteste  Bundesgenosse  der  Engländer  in  Indien“,  daß  es
ihm  obliege,  in  irgend  einer  offenen  Weise  zu  zeigen,  daß  die  Interessen
aller  Einwohner  Indiens,  brittischer  wie  eingeborener,  in  dieser  Frage  der
Grenzverteidigung  gegen  russische  Aggression  identisch  sind.  Er  biete  folglich
der  Regierung  der  Königin-Kaiserin  durch  Ihrer  Majestät  Vertreter,  den
Vizekönig,  als  freie  Schenkung  den  Betrag  von  20  Lakhs  Rupien  (200,000
Pfd.  St.)  jährlich  für  zwei  Jahre  an,  welche  Summe  den  Zwecken  der  Förderung
  der  militärischen  Verteidigung  der  nordwestlichen  Grenze  gewidmet
werden  soll.  Zum  Schluß  erklärt  der  Nizam  freimütig,  daß  sein  Geldbeitrag
  nur  für  die  Zeit  des  Friedens  und  der  Vorbereitung  bestimmt  sei.
Wenn  aber  die  Stunde  des  Kampfes  mit  irgendeinem  Eindringling  in  Indien
erscheine,  könne  England  auf  seinen  Degen  zählen.“

6.  bzw.  31.  Oktober.  (JIrland.)  Prozeßverhandlung
gegen  den  Lord  Mayor  Sullivan  von  Dublin  und  O'Brien,
weil  sie  in  irländischen  Zeitungen  Berichte  über  die  Verhandlungen
der  unterdrückten  Zweige  der  Nationalliga  veröffentlichten.

Der  Lord  Mayor  wird  auf  dem  Wege  zum  Gerichte,  dem  Beschlusse
des  Gemeinderates  gemäß,  von  den  Aldermen  und  den  städtischen  Schwertund
  Szepterträgern  in  Amtstracht  begleitet.  Den  Eintritt  der  Letzteren  in
den  Gerichtsfaal  verhindert  nach  längerem  Widerstande  die  Polizei,  welche
dieselben  zwingt,  sich  auf  die  Galerie  zu  begeben.  O'Brien  erscheint  nicht.
Das  Polizeigericht  erkennt  auf  Grund  eines  vom  Verteidiger  vorgebrachten
technischen  Einwandes  auf  Einstellung  des  Prozesses.  Der  Staatsprokurator
appelliert.  Der  Lord  Mayor  wird  beim  Heimwege  stürmisch  begrüßt.

Auch  das  Verfahren  gegen  O'Brien  wird  infolgedessen  bis  nach  der
Entscheidung  über  die  Berufung  des  Staatsprokurators  eingestellt.

Bei  der  Wiederaufnahme  des  Verfahrens  wird  O'Brien  zu  Zmonatlicher
  Gefängnisstrafe  verurteilt  und  die  eingelegte  Berufung  verworfen.  Er
hält  in  der  Zwischenzeit  eine  große  Versammlung  zu  Woodford  (Galway)
ab,  wo  er  mit  einer  Illumination  der  Stadt  begrüßt  wird,  obgleich  diese
Versammlung  polizeilich  verboten  worden  ist,  und  verbrennt  das  Verbot.
Er  wird  alsdann  zu  Midleton  verhaftet  und  nach  Cork  übergeführt.

Es  folgen  zahlreiche  weitere  Prozesse  und  Verurteilungen  der  Agitatoren
  der  irischen  Nationalliga,  so  Wilfried  Blunts,  des  Abg.  Cox',  des
Redakteurs  Walshs  u.  a.

18.  Oktober.  Gladstone  hält  zu  Nottingham  mit  Harcourt
und  Morley  eine  große  liberale  Parteiversammlung  ab.