Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  51

wegen  Hekuba,  werden  wir  unser  Verhältnis  mit  Rußland  nicht  brouillieren,
und  überhaupt  werden  wir  keinen  Krieg  führen  mit  einem  Nachbar,  mit
dem  wir  keine  streitigen  Interessen  haben.  Rußland  wünscht  kein  deutsches
Land  zu  erobern,  und  wir  wünschen  kein  russisches;  es  könnten  nur  polnische
Provinzen  sein,  von  denen  haben  wir  schon  mehr,  als  für  uns  bequem  ist.
Es  ist  also  nicht  der  mindeste  Grund,  diese  für  manche  unserer  inneren  Politiker
  fehlende  Zwietracht  mit  Rußland  künstlich  erzeugen  oder  schüren  zu
wollen.  Ich  kann  solche  Kriegshetzerei  gegen  Rußland  auch  nicht  anders
erklären,  als  wie  ich  mir  manchen  französischen  Krieg  erkläre:  wegen  der
Rückwirkung  auf  die  innere  Politik.  Leben  wir  mit  Rußland  in  Feindschaft,
so  stellt  sich  manches  in  der  inneren  Politik  doch  noch  anders,  und  die  Regierung
  ist  ja  natürlich  im  ganzen  schwächer.  Aber  das  ist  doch  nur  eine
theoretische  Berechnung,  daß  sie  schwächer  wird;  ihren  eigenen  Landsleuten
gegenüber  ist  eine  Regierung  sehr  viel  stärker.  Wenn  sie  in  einem  schwierigen
  Kriege  sich  befindet,  dann  gilt  Notrecht,  dann  ist  vieles  erlaubt,  was
im  Frieden  oder  in  einem  leichteren  Kriege  schon  nicht  möglich  ist.  Also
auch  diese  Rechnung  wäre  fehlerhaft.  Ich  kann  mir  denken,  daß  Leuten,  die
eine  Änderung  der  Zustände  bei  uns  wünschen,  —  zum  Beispiel  die  polnischen
  Bestrebungen,  —  daß  denen  mit  einem  Kriege  gegen  Rußland  gedient
  wäre;  aber  sie  könnten  doch  nur  dann  ein  günstiges  Resultat  davon
hoffen,  wenn  der  Gegner  Rußlands  stärker  wäre.  Wenn  Rußland  siegt  im
Kriege  wegen  der  Schwäche  seiner  Gegner,  weil  diesen  die  Mittel  fehlen,
deren  Bewilligung  wir  heute  von  Ihnen  verlangen,  dann  glaube  ich,  würde
es  den  Polen  noch  viel  schlechter  gehen  in  den  preußischen  und  österreichischen
Provinzen  als  heutzutage  (sehr  richtig!  rechts),  wenn  also  Galizien  oder  das

Großherzogtum  Posen  dem  Weichselgouvernement  zugeschlagen  würde;  —  das
wäre  ungefähr  der  Kampfpreis,  den  die  Polen  in  diesem  Kriege  davontragen
könnten,  wenn  sie  auf  die  Schwächung  Deutschlands  hinarbeiten.  Die  „Germania“
  sagt  ferner  am  29.  August:  „Und  dieser  Gedanke,  ob  die  Lage  Europas
  derartig  sei,  daß  man  den  Frieden  fort  und  fort  durch  Trinkgelder
an  Rußland,  und  zwar  oft  durch  sehr  beträchtliche,  erkaufen  müsse,  —  dieser
Gedanke  macht  sich  fort  und  fort  immer  deutlicher  in  der  Presse  geltend.
So  heißt  es  z.  B.  in  dem  sehr  regierungsfreundlichen  Hamburger  Korrespondenten."
  Nun,  die  Regierungsfreundlichkeit  des  „Hamburger  Korrespondenten“
  kennen  wir.  Wenn  ein  Blatt  wie  die  „Germania“  so  bemüht
ist,  den  Russen  Feinde  zu  schaffen  und  zwischen  Rußland  und  dem  jetzigen
deutschen  Kaisertum  Feindschaft  zu  stiften,  so  drängt  sich  einem  ganz  unwillkürlich
  die  Frage  auf:  würde  die  „Germania“  ebenso  eifrig  dahen  arbeiten,
wenn  Rußland  ein  katholisches  Land  wäre  oder  ein  katholisches  Herrscherhaus
  hätte?  Rußland  ist  heterodox,  und  da  gibt  es  ja  so  manche  leidenschaftliche
  Politiker,  die,  wenn  Griechen  und  Protestanten  sich  etwa  in  die
Haare  gerieten,  sagen  würden:  schade  um  jeden  Schlag,  der  vorbeifällt.  Die
„Germania“  sagt  ferner  in  einem  Artikel  vom  26.  August:  „Das  alles  hat
sich  nun  mit  einem  Schlage  vollständig  verändert;  Europa  hat  sich  vor  Rußland
  rückwärts  konzentriert,  und  zwar  auf  die  bloße  Drohung  des  Losschlagens
  hin.“  —  Dem  gegenüber  sollten  wir  uns  also  vorwärts  konzentrieren;
dann  wäre  ja  der  Krieg  da.  —  „Europa  verbeugt  sich  vor  der  vollendeten
Thatsache,  vor  der  Ubermacht  des  Moskowitertums  ...  Wenn  die  Drohung
mit  einer  Kriegsthat  genügt,  um  ganz  Europa  dem  Willen  Rußlands  dienstbar
  zu  machen,  —  wollen  wir  dann  nicht  den  ganzen  haltlosen  Widerstand
gegen  den  Panslawismus  aufgeben?  Bulgarien  und  Ostrumelien  sind  jetzt
in  den  Händen  der  Russen.  Daß  Mazedonien  auch  dazu  gehört,  hat  noch
dieser  Tage  das  Organ  Zankows,  des  Hauptanstifters  der  Revolution,  förmlich
  erklärt.  Österreich  wird  ebenso  wenig  die  mazedonischen  wie  die  bul-4*