Full text : Deutsches Kolonialblatt. XV. Jahrgang, 1904. (15)

Aebersit  der  pelitishen  Enimichelung  des  Jahres  1902.  339

ihn  niederzuwerfen.  In  Europa  erregt  das  Schicksal  der  Christen
Besorgnis,  und  die  Mittelmeermächte  haben  bereits  begonnen,  die
marokkanische  Küste  zu  beobachten,  um  im  Notfalle  den  bedrohten
Europäern  sogleich  Hilfe  bringen  zu  können.  Bei  der  Eifersucht,
mit  der  England,  Spanien,  Frankreich  und  Italien  sich  an  dieser
Stelle  überwachen,  kann  in  den  marokkanischen  Dingen  der  Keim
zu  europäischen  Verwickelungen  liegen.

Eine  Umwandlung  der  politischen  Weltlage  hat  also  das
abgelaufene  Jahr  trotz  zahlreicher  Verwickelungen  nicht  gebracht.
Die  beiden  Bundessysteme,  die  solange  die  europäische  Lage  be—
stimmt  haben,  stehen  einander  noch  gegenüber:  der  Dreibund  ist
erneuert  worden  und  das  rusfsisch-französische  Bündnis  ist  befestigt
worden.  Aber  ihre  Signatur  erhält  die  politische  Lage  viel  weniger
durch  diesen  Gegensatz  als  durch  den  Antagonismus  zwischen  Rußland
  und  England  in  Asien.  Und  diese  Feindschaft  wird  in  der
nächsten  Zeit  gewiß  nicht  abnehmen,  denn  es  handelt  sich  nicht  nur
um  China  sondern  auch  um  Persien  und  Asghanistan,  in  denen
beide  ihren  kommerziellen  und  politischen  Einfluß  zur  Herrschaft
zu  bringen  suchen.

Das  Deutsche  Reich  war  an  anderen  Konflikten  außer  dem
venezolanischen  nicht  beteiligt.  Von  auswärtigen  Angelegenheiten
ist  noch  besonders  die  Reise  des  Prinzen  Heinrich  nach  Nordamerika
zu  erwähnen,  die,  unpolitischen  Motiven  entsprungen,  doch  zu  lebhafter
  Erörterung  der  deutsch-amerikanischen  Beziehungen  und  zu
mehreren  offiziellen  Sympathiekundgebungen  Anlaß  gab.  Die  allgemeine
  politische  Stellung  Deutschlands  hat  sich  so  wenig  verändert
  wie  die  Haltung  seiner  öffentlichen  Meinung,  deren  Grundzug
  wie  im  Vorjahr  durchaus  antienglisch  ist.  Die  Empörung
über  Chamberlains  Außerungen  (Jahrg.  1901  S.  222)  zitterte  zu
Beginn  des  Jahres  noch  nach  (S.  1),  und  diese  Stimmung  erhielt
neue  Nahrung,  als  die  englische  Presse  anläßlich  der  Reise  des
Prinzen  Heinrich  nach  Amerika  versuchte,  die  deutsche  Politik  zur
Zeit  des  spanisch-amerikanischen  Krieges  zu  verdächtigen:  ein  Vorwurf,
  der  nach  einer  amtlichen  deutschen  Publikation  freilich  auf
die  englische  Regierung  zurückfiel  (S.  38).  An  der  Abneigung  gegen

die  englische  Politik  hat  auch  die  Beendigung  des  Burenkrieges
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