Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Die  Idee  der  deutschen  Einheit.  301

Friedrich's  Werk  schien  vernichtet,  und  Viele  der  jungen  Schwärmer  wollten
ihm  nie  verzeihen,  daß  er  das  Schwert  gegen  die  gesalbte  kaiserliche  Maje—
stät  erhoben  hatte.  Großherziges  Vergessen  der  alten  Bruderkämpfe,  treue
Eintracht  aller  deutschen  Stämme,  das  war  es  was  man  forderte  für  den
gemeinsamen  Kampf;  nicht  von  einem  gegebenen  politischen  Mittelpunkte
aus,  sondern  durch  die  Erhebung  der  gesammten  Nation  sollte  das  Welt—
reich  zerschmettert  werden,  und  alles  Weitere  fand  sich  dann  von  selbst.

Es  wurde  verhängnißvoll  für  unser  politisches  Leben  und  hängt  uns
nach  bis  zum  heutigen  Tage,  daß  der  Gedanke  der  nationalen  Einheit
bei  uns  nicht  wie  in  Frankreich  langsam  die  Jahrhunderte  hindurch  her—
anreifte,  die  natürliche  Frucht  einer  stetigen,  immer  auf  dasselbe  Ziel  ge—
richteten  monarchischen  Politik,  sondern  so  urplötzlich  nach  langem  Schlum—
mer  wieder  erwachte,  unter  zornigen  Thränen,  unter  Träumen  von  Zeiten
die  gewesen.  Daher  jener  rührende  Zug  idealistischer  Schwärmerei,  treu—
herziger  Begeisterung,  der  die  deutschen  Patrioten  der  folgenden  Generationen
  so  liebenswürdig  erscheinen  läßt.  Daher  ihre  krankhafte  Verbitterung:
  denn  auch  nachdem  der  rauhe  Franzosenhaß  jener  gequälten  Zeit
verraucht  war,  blieb  ein  tiefer  Groll  gegen  das  Ausland  in  den  Herzen
der  begeisterten  Teutonen  zurück;  man  konnte  nicht  träumen  von  Deutschlands
  künftiger  Größe,  ohne  die  fremden  Völker  zu  schelten,  die  sich  so
oft  und  so  schwer  an  der  Mitte  Europas  versündigt  hatten.  Daher  auch
die  wunderbar  verschwommene  Unklarheit  der  politischen  Hoffnungen  der
Deutschen.  Ein  durch  unbestimmte  historische  Bilder  erhitzter  Enthusiasmus
  berauschte  sich  für  die  Idee  eines  großen  Vaterlandes  in  den  Wolken,
  das  irgendwie  die  Herrlichkeit  der  Ottonen  und  der  Staufer  erneuern
  sollte,  begrüßte  Jeden,  der  in  die  gleichen  Klagen,  in  die  gleiche
Sehnsucht  mit  einstimmte,  Männer  der  verschiedensten  politischen  Richtungen,
  willig  als  Parteigenossen  und  bemerkte  kaum  die  lebendigen  Kräfte
der  wirklichen  deutschen  Einheit,  die  in  dem  preußischen  Staate  sich  regten.
Daher  endlich  die  haltlose  Schwäche  des  deutschen  Nationalgefühls,  das
bis  zur  Stunde  noch  nicht  die  untrügliche  Sicherheit  eines  naiven  volksthümlichen
  Instinctes  erlangt  hat.  Der  Traum  der  deutschen  Einheit
drang  sehr  langsam  aus  den  gebildeten  Ständen  in  die  Massen  des  Volkes
hinab,  und  auch  dann  noch  blieb  der  große  Name  des  Vaterlandes  dem
geringen  Manne  lange  nur  ein  unbestimmtes  Wort,  eine  wundervolle
Verheißung,  und  die  ehrliche  Liebe  zum  einigen  Deutschland  vertrug  sich
wohl  mit  einem  engherzigen,  handfesten  Particularismus.

In  Preußen  stand  die  alte  Königstreue  zu  fest,  als  daß  sich  die  Hoffnungen
  der  Patrioten  so  ganz  in's  Grenzenlose  hätten  verlieren  können.
Es  ist  kein  Zufall,  daß  Keiner  unter  den  Publicisten  und  Volksrednern
der  Zeit  so  viel  nüchterne  realpolitische  Einsicht  zeigte  wie  Schleiermacher,
der  geborene  Preuße:  wenn  er  von  Deutschlands  Befreiung  sprach,  so  blieb
ihm  die  Wiederherstellung  der  alten  preußischen  Macht  immer  die  selbst-