Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

710  Verhandlungen  mit  Bayern.

marck  motivierte  die  hohen  Forderungen  Preußens  mit  den  großen  Opfern
des  Krieges,  den  errungenen  militärischen  Erfolgen  und  den  dadurch  erregten.
hohen  Erwartungen  der  preußischen  Nation.  Da  Baden  durch  die  nahe  Verwandtschaft
  des  Großherzogs  mit  König  Wilhelm,  Sachsen  durch  Hsierreich.
und  Frankreich,  Hessen-Darmstadt  und  Württemberg  durch  Rußland  vor  Gebietsabtretungen
  geschützt  worden  seien,  so  müsse  Preußen  sich  um  so  mehr  an
Bayern  halten,  das  keinen  so  mächtigen  Beschützer  habe.  Auch  Bayern
habe  ja  in  der  Zeit  Napoleons  I.  seine  kriegerischen  Erfolge  rücksschtslos  zur
Erweiterung  seines  Gebietes  ausgenützt.  Pfordten  wandte  dagegen  ein,  daß.
Bayern  wünsche,  nationale  Politik  treiben  zu  können,  durch  eine  so  tief  verletzende
  Mißhandlung  aber  zurückgeskoßen  werden  würde.  Bismarck  ließ  sich
dann  auf  eine  Diskussion  über  die  einzelnen  geforderten  Gebietsteile  ein,
meinte,  auf  Kissingen  und  Hammelburg  könne  man  verzichten,  die  Frage
nach  der  Abtretung  eines  Teils  der  Pfalz  wolle  man  zunächst  offen  lassen
(offenbar  weil  er  schon  einen  eventuellen  Verzicht  auf  Oberhessen  und  damit
auf  die  von  Bayern  dafür  zu  leistende  Entschädigung  erwog),  ließ  dagegen
durchblicken,  daß  der  König  den  Wunsch  habe,  Bayreuth  zu  erhalten.  Am
Schluß  der  Unterredung  trat  er  plötzlich  mit  dem  Antrag  hervor,  daß  Bayern
einen  geheimen  Bündnisvertrag  mit  Preußen  schließen  möge,  der  seine
Spitze  hauptsächlich  gegen  Frankreich  richten  sollte.  Pfordten  erwiderte  darauf,
Bayern  werde  zwar  eine  nationale  Allianz  jeder  anderen  vorziehen;  ob  es  sie
aber  schließen  könne,  werde  von  den  Bedingungen  des  Friedens  abhängig  sein.

Bis  hierher  befinden  sich  die  Aufzeichnungen  des  Grafen  Bray  in  voller
Übereinstimmung  mit  der  Darstellung  Sybels.  Es  muß  auffallen,  daß  Bismarck
  den  Bayern  keine  Mitteilung  machte  von  der  am  s.  August  übergebenen
Forderung  Benedettis,  daß  die  Rheinpfalz  und  Rheinhessen  an  Frankreichüberlassen
  werden  sollten,  obwohl  er  durch  einen  solchen  Hinweis  vielleicht
größere  Bereitwilligkeit  zum  sofortigen  Abschluß  eines  Bündnisses  bei  ihnen
hätte  hervorrufen  können,  da  sie  ja  zum  Schutz  der  Rheinpfalz  gegen  Frankreich
  ausschließlich  auf  preußische  Hilfe  angewiesen  waren.s  Indessen  wird.
man  bei  näherer  Uberlegung  doch  verstehen,  warum  Bismarck  hierüber

1  Ich  habe  schon  oben  S.  656  f.  meine  Jwelfel  daran  geäußert,  daß  die  Abtretung  von
Bayreuth  wirklich  ernstlich  ins  Auge  gefaßt  worden  ist.  Bismarck  benutzte  diesen  Wunsch.
des  Königs  wohl  lediglich  als  Schreckmittel,  um  den  Bayern  zu  zeigen,  daß  die  von  ihm
aufgestellten  Forderungen  noch  sehr  gemäßigte  seien  im  Verhältnis  zu  dem,  was  der  König
elgentlich  verlange.

Es  könnte  fast  scheinen,  als  hätte  man  sich  in  Bayern  schon  mie  dem  Gedanken  vertraut
gemacht,  die  Rheinpfalz  überhaupt  zu  opfern,  wenn  man  dadurch  die  Integrität  des  übrigen
Gebletes  erkaufen  könne.  Wenigstens  berlchtete  der  französische  Geschäftsträger  Lefebore  am
10.  August  nach  Paris,  Minister  von  der  Pfordten  habe  ihm  gesagt:  „quo  lo  Palatinat,
CGtalt  lo  torrltoireont  la  conservation  réoccuppnitlomoins  hu  Bavièro.“(Harcourt  310.)