Ermordung Kotzebues. 523
Anruf den Dolch in die Kehle. Er war darauf gefaßt, sich durch Selbstmord
der Strafe zu entziehen, aber auch die Flucht hielt er sich bis zuletzt
offen. Erst da Kotzebue in seinem Blute schwamm und der kleine
Sohn des Ermordeten zu der Leiche des Vaters heranstürzte, überfiel den
Mörder auf einen Augenblick die Scham, und mit unsicherer Hand führte
er einen Dolchstoß gegen seine eigene Brust — „dem Sohne gleichsam
zum Ersatze“, wie er nachher gestand. Als man den Schwerverwundeten
festnahm, rief er noch laut: „Hoch lebe mein deutsches Vaterland und
im deutschen Volke alle, die den Zustand der reinen Menschheit zu fördern
streben!“ Neben dem Leichnam fand sich ein Schriftstück „Todesstoß
dem A. von Kotzebue“, darin die Worte: „ein Zeichen muß ich Euch
geben, muß mich erklären gegen diese Schlaffheit, weiß nichts edleres zu
tun als den Erzknecht und das Schutzbild dieser feilen Zeit, Dich, Verderber
und Verräter meines Volks, A. von Kotzebue niederzustoßen“" —
und dann die blasphemischen Verse Follens: „ein Christus kannst Du
werden." Der Burschenschaft hatte Sand in einem zu Jena zurückgelassenen
und erst nach der Tat aufgefundenen Briefe seinen Austritt
angekündigt, weil er jetzt ausziehen müsse, um Volksrache zu üben. Auf
seinem Schmerzenslager im Gefängnis zeigte er die höchste Standhaftigkeit,
unerschütterlichen Gleichmut, keine Spur von Reue. In den Verhören
log er als ein treuer Schüler Follens mit eiserner Stirn, denn
gegen die Knechte der Zwingherren war alles gestattet; um Follen zu
decken beschuldigte er sogar einen seiner besten Freunde, Asmis fülschlich,
daß er ihm das Reisegeld geliehen habe, und ließ sich selbst durch die
heiligen Beteuerungen des Unschuldigen nicht von seiner Verruchtheit
abbringen, bis er endlich doch, völlig überführt, die Wahrheit eingestehen
mußte.
Die Untersuchung wurde mit schonender Milde geführt, aber auch
mit lächerlichem Ungeschick, so daß die grundsätzliche Verlogenheit der
Schwarzen den freiesten Spielraum fand. Namhafte Richter mochten sich
zu dem verhaßten Geschäfte der Demagogenverfolgung nicht hergeben; daher
mußte man die Untersuchung fast überall unfähigen juristischen Handlangern
anvertrauen, und von dem wenigen, was überhaupt erwiesen
werden konnte, kam nichts an den Tag. Follen, der verdächtigste aller
Zeugen, trieb schon bei der Voruntersuchung in Jena ein dreistes Spiel
mit den weimarischen Kommissaren. Er nahm vor ihren Augen einen
Brief weg, den sie bei der Durchsuchung seines Hauses gefunden hatten,
und ging hinaus um das Schreiben zu vernichten. Er konnte sich auf
die auffälligsten Erlebnisse aus den jüngsten Wochen nicht mehr besinnen,
obwohl der kalte Rechner, der kein Wort unerwogen sprach, sicherlich auch
keines wieder vergaß; und als man ihm vorhielt, diese beispiellose Gedächtnisschwäche
mache keinen günstigen Eindruck, da erwiderte er mit terroristischem
Trotz: das sei ihm ein ganz unbekannter kriminalistischer Grund-