Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Zweiter Teil. Bis zu den Karlsbader Beschlüssen. (25)

54  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Gemüts  also  zu  verklären,  daß  selbst  die  Italiener  ihn  endlich  wie  einen
neuen  Fra  Angelico  ehrten  und  dem  frommen  Konvertiten  noch  die  Freude
ward  das  Bethaus  des  heiligen  Franciskus  in  der  Portiuncula-Kirche  zu
Assisi  mit  seinen  ernsten  Bildern  zu  schmücken.  —  Wie  Berlin  so  sollte
auch  München  seine  große  Gemäldegalerie  erhalten.  Die  Beissereesche
Sammlung,  die  den  Preußen  zu  teuer  gewesen,  wurde  nach  Jahren
endlich  für  Bayern  erworben.  Ihre  Hauptwerke  bildeten  mit  denen  der
Düsseldorfer  Galerie,  die  man  während  der  Revolutionskriege  widerrechtlich
  dem  bergischen  Lande  entfremdet  hatte,  den  Stamm  für  die  Münchener
  Pinakothek.

Dergestalt  war  binnen  weniger  Jahre  ein  vielgestaltiges  neues  Leben
in  der  bildenden  Kunst  erwacht,  und  nach  und  nach  begannen  fast  alle
deutschen  Höfe  diese  jungen  Kräfte  sorgsam  zu  pflegen;  man  fühlte  sich
verpflichtet  die  Nation  für  ihre  so  bitterlich  getäuschten  politischen  Hoffnungen
  irgendwie  zu  entschädigen.  Auch  die  ehrwürdigen  Uberreste  altheimischer
  Kunst,  die  unter  dem  Aufklärungswahne  des  vergangenen  Jahrhunderts
  so  schwer  hatten  leiden  müssen,  fanden  jetzt  allenthalben  treue
Beschützer,  und  es  galt  schon  als  ein  unerhörtes  Zeichen  vandalischer
Roheit,  daß  die  Stadt  Goslar  ihren  Dom,  den  erinnerungsreichsten  der
Sachsenlande,  noch  im  Jahre  1820  abtragen  ließ.  —

Keine  andere  Kunst  aber  hatte  in  der  Epoche  der  deutschen  Romantik
so  reife  und  durchweg  gesunde  Früchte  gezeitigt  wie  die  Musik.  Sie  stand
dem  deutschen  Genius  von  jeher  am  nächsten;  in  ihr  betätigte  sich  der
Formensinn  der  Germanen  immer  mit  naiver  Ursprünglichkeit,  ganz  ungetrübt
  durch  jene  leidige  Kritik,  die  ihn  sonst  so  oft  im  freien  Schaffen
störte.  Sie  blieb  den  Deutschen  treu  auch  als  unser  geistiges  Leben  fast
erstorben  schien;  selbst  das  öde  Jahrhundert,  das  dem  Westfälischen
Frieden  voranging,  erhob  sich  das  Herz  an  den  seelenvollen  Klängen  des
lutherischen  Kirchenliedes.  Nachher,  in  einer  Zeit  da  die  neue  Bildung
der  Nation  kaum  im  Entstehen  war,  schufen  Händel  und  Bach  ihre  klassischen
  Werke,  bis  endlich  während  der  Blütezeit  unserer  Dichtung  die
deutsche  Musik  durch  Gluck,  Haydn,  Mozart  zu  einer  Höhe  emporgehoben
  wurde,  die  kein  anderes  Volk  je  erreicht  hat.  Dem  vielseitigsten
der  Dichter  trat  der  vielseitigste  aller  Tonsetzer  an  die  Seite.  Beide
dankten  der  geheimnisvollen  Kraft  der  unmittelbaren  Eingebung  eine  wunderbare
  Leichtigkeit  des  Schaffens;  aber  wie  viel  einfacher  und  natürlicher
war  Mozarts  Los!  Er  schuf  für  eine  Hörerschaft,  die  ihm  mit  dankbarer
Empfänglichkeit  folgte,  und  lebte  in  traulichem  Verkehre  mit  den  Sängern
und  Musikern,  denen  er  seine  Rollen  auf  den  Leib  schrieb.  So  ward
jedes  seiner  Werke  ein  abgerundetes  Ganzes;  alle  die  fragmentarischen
Versuche  und  halben  Anläufe,  welche  Goethe  in  seiner  Einsamkeit  nicht
vermeiden  konnte,  blieben  ihm  erspart.  Die  Musik  vereinigte,  mehr  noch
als  die  Literatur,  alles  was  deutschen  Blutes  war  zu  gemeinsamer  Freude.