Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

308  Viertes  Buch.  Die  Zeit  der  Epigonen.

Anhänger  des  Krieges  war  auch  er  nicht:  nachdem  man  aber
einmal  so  weit  gegangen  war,  hielt  er  es  für  eine  Ehrenpflicht,
Oesterreich  nicht  zu  verlassen;  doch  müsse  man  zugleich  auf  möglichst
  schnelle  Herstellung  des  Friedens  bedacht  sein.  Diese
mittlere  Richtung  machte  ihn  geeignet,  zwischen  den  widerstreitenden
  Meinungen  einen  vorläufigen  Ausgleich  herbeizuführen.
  Daher  ist  er  denn  auch  für  den  schließlichen  üblen
Ausgang  von  beiden  Seiten  verantwortlich  gemacht  worden,
zum  Teil  unverdienterweise.  Neben  ihm  aber  vertrat,  ohne
Minister  zu  sein,  im  Rat  des  Königs  Luchhesini  als  Kenner
der  polnischen  Angelegenheiten  seine  Lieblingsidee,  die  Vergrößerung
  Preußens  in  Polen.

Störender  aber  noch  als  dieser  Mangel  an  Uebereinstimmung
  unter  den  Näten  des  Königs  wirkten  auf  die  preußische
Politik  finanzielle  Schwierigkeiten  ein.  Nur  für  ein  Kriegsjahr
  noch  war  man  der  Mittel  sicher:  dann  mußte  man  sich
durch  Anleihen  zu  helfen  suchen.  Das  wurde  denn  auch  von
den  berufenen  Stellen  energisch  geltend  gemacht  zur  Unterstützung
  ihrer  Bitte  um  baldigen  Frieden.  Zunächst  freilich
vergeblich.  Denn  je  größere  Opfer  dem  Kriege  bereits  gebracht
waren,  um  so  berechtigter  schien  der  Gedanke,  für  die  fernere
Unterstützung  Oesterreichs  im  Kampfe  gegen  die  Revolution
müsse  Preußen  sich  durch  ein  Stück  von  Polen  bezahlt  machen,
schon  damit  dort  Rußland  nicht  zu  mächtig  werde.  In  dieser
Kombination  glaubte  man  die  Formel  gefunden  zu  haben,  welche
die  Gegensätze  beglich.  Sie  erzeugte  doch  aber  nur  den  Schein
des  Zusammenwirkens  von  Kräften,  die  thatsächlich  nach  entgegengesetzten
  Richtungen  auseinander  strebten,  machte  dadurch
aber  freilich  trotz  des  inneren  Zwiespalts  die  Beteiligten  an
das  Vorhandensein  einer  zielbewußten  preußischen  Politik
glauben.  Den  zeitgenössischen  Zuschauern  schien  die  Einigkeit
der  Mächte  noch  zu  bestehen,  als  sie  bereits  hart  am  Bruche
standen.

Von  den  ideellen  Momenten,  die  wenigstens  mitgewirkt
hatten,  als  der  König  sich  zum  Vorkämpfer  der  Monarchie  aufwarf,
  war  kaum  noch  die  Rede.  In  Rußlands  Interesse  war
Preußen  bereit,  Oesterreich  die  Fortsetzung  des  Krieges  gegen