Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

Preußische  Bank.  Friese.  81

Nur  der  neue  Bankpräsident  Friese  verzweifelte  nicht.  Einer  der
freiesten  Köpfe  aus  Schrötter's  ostpreußischer  Beamtenschule,  hatte  Friese
einst  unter  Stein,  unter  Dohna,  unter  Hardenberg  fast  bei  allen  Ver—
waltungsreformen  mitgewirkt,  nachher  als  Mitglied  von  Stein's  Central—
verwaltung  die  deutschen  Kleinstaaten  genau  kennen  gelernt,  dann  während
der  Occupation  das  verwickelte  Finanzwesen  des  Königreichs  Sachsen  geleitet
und  soeben  endlich  die  schwierige  Auseinandersetzung  mit  dem  Dresdener
Hofe  zu  Stande  gebracht.  Obwohl  er  nicht  zu  Hardenberg's  engerem
Kreise  gehörte,  stand  er  doch  den  constitutionellen  Plänen  des  Kanzlers
unter  allen  hohen  Beamten  am  nächsten,  er  hoffte  mit  Zuversicht  auf
das  politische  und  wirthschaftliche  Erstarken  des  Bürgerthums,  das  er  als
den  Kern  der  Nation  betrachtete,  und  wollte  an  seinem  Theile  bei  diesem
großen  Umschwung  mitwirken;  er  traute  sich's  zu,  diese  verkommene  Bank
ihrem  ursprünglichen  volkswirthschaftlichen  Berufe  zurückzugeben.  Bei
einiger  Kühnheit  hätte  der  Staat  wohl  wagen  können,  die  Bank  mit
einem  Stammkapitale,  das  ihr  immer  gefehlt  hatte,  auszustatten,  aber  das
Mißtrauen  gegen  ihre  Lebenskraft  war  noch  unüberwindlich,  und  eine
Erhöhung  der  Staatsschuld  schien  nicht  rathsam.  Die  Bank  wurde  also
vollständig  von  dem  Finanzministerium  abgesondert,  zwar  durch  Staats—
beamte  verwaltet,  doch  ausschließlich  auf  ihre  eigenen  Mittel  angewiesen;
und  nun  galt  es,  ein  Menschenalter  hindurch  ohne  eigenes  Vermögen  zu
wirthschaften,  mit  einem  Deficit,  das  dem  Publikum  streng  verborgen
bleiben  mußte;  denn  die  Enthüllung  des  wirklichen  Zustandes  ihrer
sogenannten  Aktiva  wäre,  in  diesen  ersten  Jahren  mindestens,  ihr  sicherer
Untergang  gewesen.

Friese  ließ  sofort  das  geschlossene  Lombardgeschäft  wieder  eröffnen,
knüpfte  mit  der  neuen  Corporation  der  Berliner  Kaufmannschaft,  die
soeben  (1820)  an  der  Stelle  der  beiden  altväterischen  Kaufmannsgilden
entstanden  war,  Geschäftsverbindungen  an,  ließ  in  den  Provinzen  nach
und  nach  neun  Bankcontore  und  Commanditen  errichten;  er  beschränkte
sich  wesentlich  auf  bankmäßige  Geschäfte,  Depositen,  Lombards,  Wechsel—
discontirung,  so  daß  die  Bank  ihre  Forderungen  jederzeit  leicht  realisiren
konnte,  und  wahrte  ihr  streng  den  Charakter  einer  Handelsanstalt.  Da
die  Seehandlung  die  Creditgeschäfte  des  Staates  zu  besorgen  hatte,  so
verweigerte  die  Bank  dem  Finanzminister  grundsätzlich  jeden  Vorschuß  und
stand  mit  ihm  nur  dadurch  in  Verbindung,  daß  sie  zur  Verstärkung  ihrer
Baarvorräthe  die  Einziehung  der  Ueberschüsse  aus  den  Staatskassen  übernahm.
  Der  Erfolg  dieses  neuen,  klug  und  gewissenhaft  geleiteten  kaufmännischen
  Verkehrs  übertraf  alle  Erwartungen.  Der  Geschäftsumsatz
der  Bank,  der  im  Jahre  1818  noch  nicht  44  Millionen  betragen  hatte,
überstieg  im  Jahre  1829  bereits  232  Millionen;  in  derselben  Zeit  hob
sich  ihr  Baarvorrath  von  938,000  Thlr.  auf  5,,  Millionen  und  die  Gesammtsumme
  ihrer  leicht  realisirbaren  Aktiva  von  etwas  über  1  Mill.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  11I.  6