Volltext : Hand- und Lehrbuch der Staatswissenschaften. Erste Abteilung VIII. Band. Geld und Banken. I. Teil Das Geld. (1_8)

2.  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  Geldsysteme.  $  1.  39

selben  Anschauung.  Überall  sehen  wir,  daß  sich  der  Metallgehalt,
der  Münzeinheit  im  Laufe  der  Zeit  beträchtlich  verringert  hat.  Das
griechische  Talent,  das  römische  As,  das  Pfund  oder  Livre  in  Italien,
Frankreich  und  England,  die  Mark  und  später  der  Gulden  und  Taler
in  Deutschland,  —  alle  diese  Rechnungseinheiten  blieben  rechtlich
identische  Größen,  während  ihr  metallisches  Substrat  durch  ein  immer
kleiner  werdendes  Quantum  Metall  dargestellt  wurde.  Zwar  haben
wir  es  bei  den  Münzverschlechterungen  mit  Maßregeln  zu  tun,  die
oft  aus  falschen  Vorstellungen  wirtschaftlicher  Natur  und  aus  gewinnsüchtigen
  Motiven  der  Münzherren  hervorgegangen  sind.  Aber  alle
Irrtümer  und  Mißbräuche  dürfen  nicht  darüber  hinwegtäuschen,  daß
an  der  zweckmäßigen  Einrichtung  des  Geldwesens  ein  so  starkes  öffentliches
  Interesse  besteht,  dab  die  Staatsgewalt  nicht  nur  das  Recht,
sondern  auch  die  Pflicht  hat,  auf  diesem  Gebiete  regulierend  einzugreifen.
Nur  aus  diesem  Grundsatze  heraus,  der  die  Identität  zwischen  dem  Gelde
und  dem  Metalle,  aus  welchem  das  Geld  jeweilig  besteht,  völlig  aufhebt,
der  das  Metall  lediglich  als  eine  dem  Bestimmungsrechte  des  Staates
unterworfene  Substanz  des  Geldes  ansieht,  —  nur  aus  diesem  Grundsatze
  heraus  ist  eine  so  einschneidende  Maßregel,  wie  ein  moderner
Währungswechsel,  zu  verstehen  und  juristisch  'zu  rechtfertigen;  denn
ein  Übergang  etwa  von  der  Silberwährung  zur  Goldwährung  besteht
ja  gerade  darin,  daß  der  Staat  nicht  nur  das  seiner  Geldeinheit  zu
Grunde  liegende  Metallquantum  verändert,  sondern  daß  er  mit  dem
das  Substrat  des  Geldes  darstellenden  Metalle  selbst  wechselt,  indem
er  an  die  Stelle  des  Silbers  das  Gold  setzt.  Wenn  wir  solche  Vorgänge,
  ohne  in  theoretische  Streitigkeiten  einzutreten,  einfach  de  lege
lata  betrachten,  dann  sehen  wir,  daß  das  Geld  seine  rechtliche  und
wirtschaftliche  Kontinuität  bei  wechselndem  Metallgehalte  der  Münzeinheit
  bewahrt  hat,  und  darin  tritt  die  Selbständigkeit  des  Geldbegriffs
gegenüber  dem  Stoffe,  aus  dem  das  Geld  besteht,  aufs  deutlichste  in
Erscheinung.  Erst  mit  dieser  völligen  Scheidung  zwischen  Geld  und
Geldstoff  ist  die  Entstehung  des  Geldes  vollendet.

2.  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  Geldsysteme.

&  1.  Die  Münzsorten.

Die  Lostrennung  des  Geldes  aus  dem  Kreise  der  übrigen  Güter
und  die  Ausbildung  eines  besonderen  Geldbegriffs  hat  ihr  Gegenstück
und  ihre  Ergänzung  in  der  Entwicklung  der  Geldsysteme.  Der
Entwicklungsprozeß  des  Geldes  geht  dahin,  das  Geld  als  eine  Einheit
der  Vielheit  der  Waren  gegenüberzustellen,  und  diese  Zusammenfassung
der  verschiedenen  konkreten  Erscheinungsformen  des  Geldes  zu  einer
Einheit  hat  sich  in  der  Bildung  der  Geldsysteme  vollzogen.