———e ww Qj je je En
großer Verlust sein. Immer habe er seinen leider nicht hinreichend
großen Einfluß dazu benutzt, Rußland von einer abenteuerlichen Politik
abzuhalten. Jetzt gerade sei es — ungeachtet seiner inneren Schwierigkeiten
— wieder bestrebt, Unfrieden auf dem Balkan zu stiften.
Greindl macht bei dieser Gelegenheit bemerkenswerte Ausführungen
über die Haltung der deutschen Politik zu den Balkanfragen. Fürst
Bismarck habe sich davon ganz ferngehalten und Österreich und Italien
deren ganzes Gewicht tragen lassen. ‚Diese Haltung entsprach der allgemeinen
Politik des Fürsten Bismarck, der sich immer die Möglichkeit
einer Annäherung an Rußland offenzuhalten suchte, und auch den alten
Traditionen des preußischen Hofes. Sie bot eine doppelte Gefahr. Zunächst
konnte sie Österreich dahin bringen, sich die Frage vorzulegen,
ob nicht der Dreibund ihm größere Lasten auferlege, als er ihm Vorteile
bringe. Sodann hatte sie den Nachteil, Rußland zu einer Politik zu ermutigen,
die notwendigerweise zu einem Konflikt führen muß, in den auch
Deutschland verwickelt würde. Wenn Rußland erst von der Intrige
und der Verschwörung zu einer tatkräftigen Verwirklichung seiner Pläne
übergeht, wird sich ihm Österreich mit Waffengewalt widersetzen müssen
Dann würde Deutschland zur Rettung des europäischen Gleichgewichtes
am Kampfe teilnehmen müssen. „Das vom Fürsten Bismarck so lange
Zeit gespielte Doppelspiel konnte der loyalen Denkart des Grafen Caprivi
nicht liegen.‘ Dieser sei nunmehr dazu übergegangen, Österreich-Ungarn
im Orient offen zu unterstützen. Dabei halte er sich immer .an zweiter
Stelle, aber die deutsche Politik erweise sich doch bereits als wirksam,
und der Wert des Dreibundes für Österreich sei dadurch wesentlich gesteigert.
In Greindis Besichterstattung tritt nunmehr ein scharfer Gegensatz
gegen den Fürsten Bismarck zutage, dem es der belgische Diplomat nicht
verzeihen konnte, daß er nach seinem Rücktritte immer wieder in die
Erörterungen eingriff. Wir dürfen diese Tatsache nicht verschweigen
und müssen auf seine Auffassungen auch deshalb eingehen, weil sie für
die Erkenntnis der politischen Probleme jener Zeit wichtig sind. Auch
erfährt der so oft falsch eingeschätzte sogenannte Rückversicherungsvertrag
dadurch eine neue Beleuchtung.
In der von Bismarck durch die „Hamburger Nachrichten‘ geführten
Zeitungspolemik sieht Greindl einen Akt kleinlicher Rache (mesquine
vengeance)!). Über die Wahl seiner Mittel mache er sich wenig Gewissensbisse,
entstelle nach seiner Art die Geschichte und gehe so weit, seine
eigene Vergangenheit Lügen zu strafen, um seinen Gegnern zu schaden?).
Angesichts dieser scharfen Vorwürfe müssen wir auf Greindls Bericht
vom 27. Juni 18923), in dem er auf Bismarcks Politik gegenüber Rußland
genauer eingeht, einen Blick werfen.
1) Berlin, 25. Juni 1892, Bd. V, S. 79.
2) Berlin, 3. August 1892, Bd. V, S. 79.
2) Bd. V, S. 310 ff.
13