Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Fünfter Teil. Bis zur März-Revolution. (28)

Canitz.  Gröben.  Die  Gebrüder  Gerlach.  25

den  Argwohn  der  Demagogenverfolger  erregte.“)  Die  enthusiastische  Kreuzfahrergesinnung
  jener  frommen  Tage  bewahrte  er  sein  Leben  lang.  Was
ihm  an  politischem  Urteil  abging,  ersetzte  er  durch  unverbrüchliche  Treue
gegen  seinen  christlichen  König  und  durch  eine  allgemeine  Menschenliebe,
welche  Gerechte  und  Ungerechte  so  ohne  jeden  Unterschied  sanftmütig  um—
faßte,  daß  Königin  Elisabeth  einmal  sagte:  der  gute  Gröben  wird  uns
nächstens  von  dem  lieben,  vortrefflichen  Nero  sprechen.

Während  Gröben  nur  das  ritterliche  Gefühl  unbedingter  Königstreue
hegte,  waren  die  drei  Brüder  v.  Gerlach  erklärte  Hallerianer.  Sie
stammten  von  jenem  hochangesehenen  alten  Kammerpräsidenten,  der  einst
seine  Kurmark  gegen  die  napoleonischen  Erpressungen  unerschrocken  verteidigt,
  nachher,  verstimmt  über  die  Reform  der  Verwaltung,  den  Staatsdienst
  verlassen  und  gleich  darauf  das  Oberbürgermeisteramt  von  Berlin
übernommen  hatte.““)  Der  Mut,  die  Vaterlandsliebe,  die  konservative  Gesinnung
  des  Vaters  vererbten  sich  auf  die  Söhne;  zwei  von  ihnen  trugen
das  eiserne  Kreuz.  Der  zweite  Sohn,  der  Gerichtspräsident  Ludwig
war  ein  gelehrter,  scharfsinniger  Jurist,  gerecht  nach  oben  wie  nach
unten,  sehr  eifersüchtig  auf  die  Unabhängigkeit  des  Richterstandes.  Wie
weit  ihn  aber  sein  kirchlicher  Feuereifer  führen  konnte,  das  hatte  er  schon
vor  Jahren  gezeigt,  als  er  die  hallischen  Rationalisten  durch  die  rücksichts—
lose  Veröffentlichung  ihrer  Katheder-Aussprüche  bekämpfte  und  dafür  den
Beifall  seines  kronprinzlichen  Freundes  fand.  ***)  Der  christliche  Staat,
die  freie  rechtgläubige  Kirche  und  vornehmlich  die  Zweiherrschaft  der  beiden
Großmächte  im  Deutschen  Bunde  —  diese  Ideale  standen  ihm  so  uner—
schütterlich  fest,  daß  er  sogar  die  Freunde  Radowitz  und  Canitz  wegen  ihrer
freieren  Ansichten  über  Osterreich  bald  als  Abtrünnige  beargwöhnte  und
des  radikalen  „Germanismus“  beschuldigte.  überhaupt  urteilte  er,  wie
sein  Bruder  Leopold,  über  politische  und  kirchliche  Gegner  mit  fanatischer,
unchristlicher  Härte;  er  verhehlte  nicht,  daß  ihm  der  Gegensatz  der  Mei—
nungen  noch  wichtiger  schien  als  selbst  der  Gegensatz  der  Nationalitäten.
Von  eigenen  staatsmännischen  Gedanken  besaß  sein  wesentlich  kritischer
Geist  wenig;  er  vermochte  wohl  die  Sünden  der  gottlosen  Zeit  mit  erbar—
mungsloser  Schärfe  zu  geißeln,  doch,  wenn  es  sich  fragte,  was  zu  tun  sei,
dann  entdeckten  der  junge  Otto  v.  Bismarck  und  die  anderen  praktischen
Talente  unter  seinen  Anhängern  mit  Erstaunen,  daß  der  geistreiche  Mann
immer  nur  schulmeisterte  und  eigentlich  an  allem  zu  tadeln  fand.  Darum
konnte  er  nur  der  gefürchtete  Schriftsteller  der  hochkonservativen  Partei
werden,  niemals  ihr  Führer.  Und  wie  wenig  stimmte  doch  die  unzweifelhaft
ernst  gemeinte  fromme  Salbung  seiner  mit  Bibelsprüchen  überladenen  poli—

—  —

*)  S.  o.  III.  116.
*)  S.  o.  I.  285.
')  S.  o.  III.  405.