Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierter Jahrgang. 1888. (29)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  20.)  65

Staaten  der  Erde  richten;  aber  ganz  besonders  hervorgetreten  sind  die  Kundgebungen
  in  den  uns  näher  benachbarten  und  befreundeten  Ländern,  wie  in
Österreich-Ungarn  —  ich  darf  Ihnen  nicht  wiederholen,  was  Sie  alles  aus
den  öffentlichen  Blättern  wissen  und  kennen  —  in  Italien,  in  Portugal,  in
dem  Oberhause  der  Niederlande,  in  Schweden,  in  Belgien,  in  Dänemark.
Die  Beziehungen  zu  Deutschland  haben  in  Dänemark  manche  trübe  Erinnerung
  notwendig  hinterlassen  müssen;  die  Persönlichkeit,  die  aus  unserer  Mitte
geschieden  ist,  hat  aber  nach  allen  Seiten  hin  eine  dergestalt  heilende  und
versöhnende  Wirkung  geübt,  daß  auch  von  dort,  von  beiden  Häusern  der
dänischen  Vertretung,  würdige  und  sympathische  Äußerungen  an  das  deutsche
Volk  gelangt  sind.  (Lebhaftes  Bravo.)  Ich  bin  Ihnen  daher,  meine  Herren,
dankbar,  wenn  Sie  mich  durch  die  Tat  und  Ihre  öffentliche,  durch  den
Herrn  Präsidenten  eingeleitete  Kundgebung  ermächtigt  haben,  diesen  uns  befreundeten
  Nationen,  auf  deren  Sympathie  der  Friede  der  Zukunft  fester
ruht  als  auf  geschriebenen  Verträgen,  Ihren  Dank  mit  dem  Danke  der
Kaiserlichen  Regierung  kundzugeben.  (Lebhaftes  Bravo.)

Hierauf  tritt  das  Haus  in  die  Tagesordnung  ein.

Die  gleichzeitig  vor  beiden  Häusern  des  Landtags  verlesene

Allerhöchste  Botschaft.  lautet:

Wir  Friedrich  von  Gottes  Gnaden,  König  von  Preußen  2c.,  tun
kund  und  fügen  hiermit  zu  wissen:

Nachdem  es  Gott  gefallen  hat,  nach  dem  Hinscheiden  Seiner  Majestät
des  Kaisers  und  Königs  Wilhelm,  Unseres  vielgeliebten  Herrn  Vaters,  Uns
auf  den  Thron  Unserer  Vorfahren  an  der  Krone  zu  berufen,  entbieten  Wir
dem  Landtage  Unserer  Monarchie  Unseren  Gruß.

Die  Gesinnungen  und  Absichten,  in  welchen  Wir  Unsere  Regierung
angetreten  haben,  die  Grundsätze,  nach  denen  Wir  Unseres  Königlichen  Amtes
walten  wollen,  haben  Wir  Unserem  getreuen  Volke  verkündet.

In  den  Wegen  Unseres  glorreichen  Herrn  Vaters  wandelnd,  werden
Wir  kein  anderes  Ziel  Unseres  Strebens  kennen,  als  das  Glück  und  die
Wohlfahrt  des  Vaterlandes.

In  gewissenhafter  Beobachtung  der  Verfassung,  unter  Wahrung  der
Machtfülle  der  Krone,  im  vertrauensvollen  Zusammenwirken  mit  der  Landesvertretung
  hoffen  Wir  dieses  Ziel  unter  Gottes  Beistand  zum  Heile  des
Vaterlandes  zu  erreichen.

Wir  find  Uns  der  nach  Art.  54  der  Verfassung  Uns  obliegenden
Pflichten  voll  bewußt.  Da  jedoch  Unser  Gesundheitszustand  Uns  zurzeit
nicht  gestattet,  dieser  Verpflichtung  persönlich  nachzukommen,  Wir  aber  das
Bedünis  fühlen,  unverweilt  Unsere  ohnehin  keinem  Zweifel  unterworfene
Stellung  zu  den  Verfassungsordnungen  des  Landes  vor  der  Volksvertretung
zu  bekunden,  so  geloben  Wir  hiermit  schon  jetzt,  daß  Wir  die  Verfassung
Unseres  Königreichs  fest  und  unverbrüchlich  halten  und  in  Übereinstimmung
mit  derselben  und  den  Gesetzen  regieren  wollen.

Charlottenburg,  den  17.  März  1888.  gez.  Friedrich.
gegengez.  von  Bismarck.  von  Puttkamer.  Maybach.  Lucius.  Friedberg.

von  Bötticher.  von  Goßler.  von  Scholz.  Bronsart  von  Schellendorf.

20.  März.  (Erlaß  für  die  Reichslande.)  Folgender  Erlaß
Sr.  Majestät  des  Kaisers  ist  in  Straßburg  veröffentlicht  worden:

Wir  Friedrich  von  Gottes  Gnaden,  Deutscher  Kaiser,  König  von
Preußen,  tun  kund  und  fügen  hiermit  zu  wissen:  Nachdem  Unseres  geliebten
Herrn  Vaters  Majestät,  weiland  Kaiser  Wilhelm,  nach  Gottes  Ratschluß  aus
dieser  Zeitlichkeit  geschieden,  ist  die  deutsche  Kaiserwürde  und  damit  in  Ge-Europ.

  Geschichtskalender.  XXIX.  Bd.  5