Full text : Prinz Max von Baden. Erinnerungen und Dokumente.

mung  den  Mitgliedern  der  Fraktion  freigeben  werde;  sie  erklärt,  daß  der
Reichskanzler  nach  wie  vor  ihr  Vertrauen  besitze.

Die  Nationalliberalen  erklärten  sich  einstimmig  für  die  Aufhebung  der
genannten  Verfassungsbestimmungen.  Die  Fortschrittliche  Volkspartei
forderte  in  Worten,  die  deutlich  aus  der  Feder  Haußmanns  stammen,
den  Rücktritt  des  Grafen  Hertling:

„Die  zu  erhebenden  Forderungen  ..  stehen  im  Widerspruch  zu
den  Grundsätzen,  die  von  Herrn  Grafen  v.  Hertling  während  seiner
politischen  Laufbahn  vertreten  sind.  Die  Hochschätzung  vor  seiner  staatsmännischen
  Persönlichkeit  hält  die  Fortschrittliche  Volkspartei  davon
ab,  ihm  die  Durchführung  eines  solchen  Programms  anzusinnen.  Sie
wird  dem  Grafen  v.  Hertling  für  seine  Tätigkeit  an  leitender  Stelle  des
Reiches  dauernd  Dank  wissen  und  würde  ihm  fernerhin  dankbar  sein,
wenn  er  bei  einem  etwaigen  Rücktritt  im  Staatsinteresse  die  Berufung
einer  Persönlichkeit  in  Vorschlag  bringen  wollte,  die  sich  mit  der  Mehrheit
  des  Reichstages  wegen  der  Bildung  einer  Regierung  auf
parlamentarischer  Grundlage  zum  Zwecke  der  nationalen
Verteidigung  und  der  Herbeiführung  eines  Verständigungsfriedens
  ins  Einvernehmen  zu  sectzen  bereit  ist.“

Dieser  Beschluß  wurde  am  28.  dem  NReichskanzler  mitgeteilt,  kurz  ebe
er  am  Abend  mit  dem  Staatssekretär  v.  Hinte  ins  Hauptgquartier  reiste.

Die  Bedeutung  der  Reise  des  Grafen  Hertling  wurde  in  parlamentarischen
  Kreisen  noch  nicht  voll  gewürdigt.  In  der  Sitzung  vom  29.  September
  wurde  die  Abwesenheit  des  Reichskanzlers  bemängelt.

Graf  Hertling  wurde  durch  Herrn  v.  Payer,  Herr  v.  Hintze  durch
Unterstaatssekretär  von  dem  Bussche  vertreten.

Ein  Vertreter  des  Kriegsministeriums  berichtete  über  die  militärische
Lage  der  Türkei:

Er  stellte  den  Verlust  von  Aleppo  in  Rechnung.  Desbalb  müßte  auf
rechtzeitigen  Rückzug  Bedacht  genommen  werden,  um  die  Abschneidung
  der  türkischen  Truppen  südlich  von  Damaskus  zu  verhüten.

Die  Hoffnung  auf  eine  günstige  Wendung  in  Bulgarien  wurde  preisgegeben.
  Dagegen  suchte  Herr  von  dem  Bussche  beruhigende  Nachrichten
über  Wien  und  Konstantinopel  glaubhaft  zu  machen:

1  Von  mir  gesperrt.
2  Nach  Haußmann,  a.  a.  O.,  S.  228.

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