Volltext: Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Vierter Band. (4)

Die Antworten der Mächte 
Die Wirkung der Wilsonschen Friedensbotschaft ging tiefer als die 
des deutschen Friedensangebotes und entfachte noch einmal die Hoffnung 
auf Beilegung des Völkerkrieges, bevor Europa in ein neues Chaos gestürze 
würde. Aber auch diese Hoffnung trog. Vergebens unterstützte die schweize- 
rische Eidgenossenschaft die Bestrebungen Wilsons, vergebens gaben die 
skandinavischen Regierungen ihren Sympathien mit Wilsons Vorgehen 
Ausdruck — die Antworten der kriegführenden Mächte zeigten, daß der 
großen Gebärde Wilsons nicht die Kraft innewohnte, die Fortsetzung des 
Krieges zu beschwören. 
Die deutsche Antwort erging schon am 26. Dezember. Sie wirkte in 
Washington kalt und fremd, denn sie vermied es abermals, Friedensbedingun- 
gen aufzustellen, erklärte, der deutschen Regierung erscheine ein unmittel- 
barer Gedankenaustausch als der geeignetste Weg zum Frieden zu gelangen 
und begnügte sich, im Sinne des Friedensangebotes vom 12. Dezember einen 
baldigen Zusammentrict von Vertretern der kriegführenden Staaten an 
einem neutralen Orte vorzuschlagen. Die Antwort schloß mit der Versiche- 
rung, daß Deutschland mit Freuden bereit sei, nach Beendigung des Krieges 
zusammen mit den Vereinigten Staaten an dem großen Werte zur Ver- 
bütung künftiger Kriege mitzuarbeiten. Osterreich- Ungarn, Bulgarien und 
die Türkei sandten gleichlautende Antworten. 
Hatte Bethmann Hollweg schon am 12. Dezember die Hoffnung auf- 
gegeben, daß Wilson noch das Wort ergreifen werde? Ist die deutsche Heeres- 
leitung durch die Botschaft Überrascht worden? Antwortete sie so rasch, weil 
sie sich durch die Borbereitungen zur Fortsetzung des Krieges und zur Führung 
des U. Bootkrieges gedrängt fühlte? Antwortete sie kurz, beinahe abweisend, 
weil sie keine Hoffnung mehr auf Friedensbemühungen setzte, nachdem ihr 
Angebot zurückgewiesen worden war? Erklärce sie, daß die kriegführenden 
Parteien die Verhandlungen unter sich austragen sollten, weil sie Wilsons 
Unparteilichkeit und Eignung zum Schiedsrichter nicht traute, obwohl sie 
selbst seine Vermittlung angerufen hatte? Vermied sie es, ihre Friedens- 
bedingungen und die ihrer Verbündeten, wenn auch in noch so geschickeer Um- 
schreibung, anzuführen, weil die Verbündeten unter sich, sa sogar vielleicht die 
Deueschen unter sich über die Grundzuge dieser Bedingungen nicht einig waren? 
Das sind Fragen, die sich einer eingehenden Erörterung und einer ab- 
schließenden Beantwortung entziehen. 
War die deutsche Antwort kurz, kalt und schmucklos hinausgesande 
worden, ohne der feindlichen Koalition, der Kriegsursachen und des ganzen 
politischen Komplexes Erwähnung zu tun, ohne Bedingungen zu nenmen, ja 
sogar ohne dieses öffentliche Verschweigen zu begründen, so war die Antwort