Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Veutsches  Reich.  (Februar  27.—März  2.)  205

auf  die  unvergleichlichen  Leistungen  unserer  Truppen  und  ihrer  Leitung.
Die  Entscheidung  über  den  unbeschränkten  U.  Bootkrieg  ist  gefallen.  Die
Verantwortlichkeit  für  die  Anwendung  der  Kampfmittel  trägt  nicht  das
Parlament,  sondern  die  berufene  Stelle,  die  über  die  Führung  des  Krieges
zu  bestimmen  hat.  Wir  sind  seit  Jahren  für  den  verstärkten  und  beschleunigten
  Bau  von  Unterseebooten  eingetreten,  wir  haben  uns  immer  dafür  ausgesprochen,
  daß  wir  uns  diese  scharfe  und  schneidige  Waffe  nicht  entwinden
lassen  wollen.  Wir  glauben,  daß  dieser  U-Bootkrieg,  der  schicksalsschwere
Entscheidungen  für  das  Deutsche  Reich  und  das  deutsche  Volk  herbeiführen
kann,  getragen  sein  muß  von  der  Zustimmung  der  ganzen  Nation.  Dieser
Krieg  ist  in  der  Tat  die  Antwort  auf  die  englische  Hungerblockade.  Wir
hoffen,  daß  er  von  Erfolg  sein  und  die  Freiheit  der  Meere  sichern  wird.
Bei  der  Erörterung  unserer  Beziehungen  zu  Amerika  halten  meine  politischen
  Freunde  Zurückhaltung  für  geboten.  Allerdings  hat  es  tiefe  Verstimmung
  erregt,  daß  Amerika  der  Entente  Waffen  und  Munition  in  ungeheuren
Mengen  geliefert  hat  und  nur  papierne  Proteste  übrig  hatte,  wenn  England
  illegal  den  Handel  unterband.  Aber  wir  wissen,  daß  drüben  weite
Kreise  der  Bevölkerung  mit  dieser  Politik  des  Präsidenten  Wilson  nicht  einverstanden
  sind.  Die  seit  Jahrhunderten  bestehenden  freundschaftlichen  Beziehungen
  zwischen  den  Vereinigten  Staaten,  dem  alten  Preußen  und  dem
neuen  Reich  verbinden  auch  heute  noch  beide  Völker.  Wir  wünschen,  daß
diese  Beziehungen  aufrecht  erhalten  werden,  aber  wir  sagen  mit  dem  Reichskanzler,
  es  gibt  jetzt  kein  Zurück  mehr,  sondern  nur  ein  Vorwärts.  Wir
halten  uns  für  verpflichtet,  für  neue  Ausgaben  auch  die  Deckung  zu  suchen.
Wir  sprechen  es  heute  schon  aus:  die  Neuorientierung  der  Reichsfinanzen
ist  nicht  möglich  ohne  den  Ausbau  des  direkten  Steuersystems  im  Reich.
Das  Reich  hat  noch  immer  auf  dem  Finanzgebiet  26  Feinde,  nämlich  die
Bundesstaaten.  Ueber  die  einzelnen  Steuervorlagen  behalten  wir  uns  die
Entschließung  vor.  Wir  sind  nicht  frei  von  Bedenken  dagegen,  und  ständen
wir  nicht  unter  dem  Druck  des  Kriegszustandes,  so  könnten  wir  unsere  Zustimmung
  dazu  nicht  geben.  Zu  neuen  Opfern  ist  das  deutsche  Volk  bereit,
aber  es  kann  und  muß  verlangen,  daß  ihm  nicht  das  tägliche  Brot  durch
eine  falsche  Kriegswirtschaft  geschmälert  und  entzogen  wird.  Die  Ausschaltung
  des  Handels  ist  ein  Fehler  gewesen;  der  grüne  Tisch  kann  die
Tätigkeit  des  Handels  nicht  ersetzen,  der  Bürokrat  muß  mit  dem  Kaufmann
gehen.  Die  Organisationsmühle  soll  nicht  bloß  klappern,  sie  soll  auch  Mehl
eben.  Auf  dem  Gebiet  der  Lebensmittelversorgung  ist  viel  zu  viel  organifert
  worden;  der  Wille  zum  Durchhalten  ist  damit  nicht  gestärkt,  sondern
geschwächt  worden.  Etwas  besser  wird  es  ja  wohl  werden  durch  die  Ernennung
  eines  preußischen  Kommissars.  Die  Geschäftspraxis  einzelner  Viehhandelsverbände
  hat  es  dahin  gebracht,  daß  man  sie  als  staatlich  konzessionierte
  Verbände  zur  Ausbeutung  der  Bevölkerung  bezeichnet.  Es  muß
hier  schleunigst  Wandel  geschaffen  werden.  Die  ganze  Frage  des  Durchhaltens
  ist  eine  Frage  der  Ernährung  der  Großstädte  und  der  Industriezentren.
  Die  Quelle  des  Uebels  ist  nach  unserer  Ueberzeugung  die  falsche
Preisrelation  zwischen  tierischen  und  pflanzlichen  Ernährungsmitteln;  zuerst
  der  Mensch,  dann  das  Vieh,  danach  muß  sich  die  Ernährungspolitik
einrichten.  Wir  fordern  Erhöhung  der  Fleischration,  wir  fordern  eine  Ernährungspolitik,
  welche  den  Eigennutz  der  Produzenten  mit  den  Interessen
der  Konsumenten  in  Einklang  bringt.  Gegen  Wucher,  Schiebungen  usw.
greife  man  fest  und  energisch  durch;  aber  man  hüte  sich  vor  jeder  Verärgerungspolitik
  durch  kleinliche  Maßnahmen,  Schikanen  und  Nadelstiche.
Die  Entsagungsfähigkeit  des  Volkes  ist  über  alles  Lob  erhaben;  aber  es
wäre  der  Gipfel  der  Torheit,  diese  Geduld  durch  solche  falsche  Politik  auf