118 Nahrungsmittel.
die Frauen sind immer müde oder gleichgültig, können nie vom häuslichen Joche
loskommen, werden nie fertig mit ihren Arbeiten, haben den Sinn verloren für freies
Ausleben in der weiten, herrlichen Natur. Einen tieftraurigen Ausblick eröffnen
uns diese Verhältnisse! Es muß vieles auf jenen Menschen, „Weib“ genannt, eingewirkt
haben, daß ihm das natürliche Menschentum so abhanden kommen konnte.
Jawohl, der häusliche Sklavendienst und die durch die Unmäßigkeit
des Mannes ihm aufgedrängte zu häufige Mutterschaft haben das Weib
körperlich und geistig erdrückt, und vergeblich ertönt unser Ruf, solange nicht
von anderer Seite Hilfe kommt.
Diese Hilfe aber muß kommen durch die in immer weitere Kreise dringende
Aufklärung des weiblichen Geschlechtes über seine Rechte und Fähigkeiten, über
gesundheitliche Verhältnisse und die Pflichten, die wir Frauen gegen unsere Nachkommen
zu erfüllen haben, endlich durch — das Beispiel der glücklicher gestellten
oder geistig stärkeren Frauen, welche den richtigen Weg gefunden haben. Diese
sieht man auch zu allen Zeiten in die freie Natur hinauswandern, gleich den
Männern Berge ersteigen, vernünftigen Sport betreiben und sich befreien vom
häuslichen Zwang, von Mode und alten Gewohnheiten. Möchten sie seitens
der zaghaften und energielosen Mitschwestern mehr Beachtung finden!
Ein weiterer Beweis für die Behauptung, daß die Lust unser „un-ü
entbehrlichstes Nahrungsmittel“ ist, liegt in der allgemein bekannten
Tatsache, daß man sie nicht einmal wenige Minuten entbehren kann, während
wir ohne Wasser einige Tage leben, ohne feste Nahrungsmittel viele Tage
bestehen können, wenn Luft und Wasser nicht fehlen.
Ranke sagt: „Luft ist das Brot der Lunge, mit dem einzigen Unterschied,
daß sie nicht geschluckt, sondern geatmet wird.“ Er fügt hinzu, daß wir, so gut
wir schmutziges Brot vermeiden, auch schmutzige Luft vermeiden sollten. Aber
wann und wo vergleicht man je Luft mit Brot? Die unglaullichste Luft
wird in geschlossenen Schlafstuben, in Restaurants und Arbeitslokalen eingeatmet,
also das schmutzigste „Lungenbrot“", und wenn eine mit feinem
Riechorgan versehene Person dazu kommt und sich darüber beschwert oder
gar ein Fenster öffnen will, erregt sie Unmut oder wird mit Spott überhäuft.
Und wieder sind es die Frauen, welche den „Zug"“ schenen, welche
die Abkühlung verhindern wollen, die eine Durchlüftung mit sich bringt. Sie
merken unangenehmen Küchengeruch nicht mehr, ebenso nicht den widerlichen
Duft gebrauchter Windeln; sie fühlen den Staub nicht und nicht den Mangel
an Sauerstoff. Die täglichen Schmutzarbeiten haben sie stumpf gemacht;
Schule und Arzte aber haben sie über die Bedeutung der Luft zu wenig aufgeklärt.
Wie oft kommt man als Arztin in kleine Haushaltungen, wo die Schlafstube
entweder stets Harngeruch hat von bettnässenden Kindern u. dgl. oder wo
ein gewisser bitterer Geruch allen Geräten anhaftet, der einem an reine Luft gewöhnten
Menschen den Anfenthalt in solchen Räumen ekelerregend macht. Schickt
die Eigentümerinnen solcher Schlafstuben nur alle Sonntage in den nächsten